Autobiographische Skizze

Teil I: Von der orientalischen Wohlstandsoase Damaskus in die westliche Weltstadt Frankfurt: Höhen und Tiefen

 

„Bassam Tibi is a prominent member of the New Left to whose leading Journals (Dirasat ‘Arabiyyah, Mawaqif, al-Tali’ah) he is a regular contributor… Tibis rigirous scholarship, his intimate knowledge of New Left-Writings and his immunity from political pressures (he lives in self-imposed exile in Germany) make him the most qualified among arab intellectuals writing in foreign languages.“

Prof. Hisham Sharabi 1970 in der Fachzeitschrift The Middle East Journal (Washington D.C.). Sharabi war Professor für arabische Ideengeschichte an der renommierten Georgtown-University Washington D.C., ein Freund und Mitstreiter von Edward Said und opinion leader der Arab American University Graduates – AAUG – in den USA und Autor zahlreicher wissenschaftlicher Monografien.

„Ein Syrer mit deutschem Pass, Herr Prof. Tibi, steht für alle, die unter uns leben, und gerne leben.“

Graf von der Goltz 1991, Vorsitzender der Quandt-Stiftung der BMW bei der Vorstellung der Person Bassam Tibis als Redner in der Paulskirche Frankfurt auf dem Kongress der BMW nach dem Golfkrieg 1991 „Denk‘ ich an Deutschland“ am 26. April 1991.

Um es den Lesern dieser Autobiografie über mein Leben als „Syrer mit deutschem Pass“ unter den Deutschen 1962-2016 zu erleichtern, habe ich sie in 11 Abschnitte gegliedert. Damit will ich es den Lesern ermöglichen, einzelne Teile von Interessen einzeln abzurufen. Das nachfolgende Inhaltsverzeichnis informiert über diese Gliederung.

1. Einführung: Vom „Denker der arabischen Linken“ (Sharabi) zum „Syrer mit deutschem Pass“ (Graf von der Goltz) unter Deutschen „ohne rechtes Maß“ (Helmuth Plessner) und auch „ohne Identität“ (D. Cohn-Bendit)

In dieser Autobiografie, die alleine auf die Jahre meines Lebens als Migrant 1962-2016 beschränkt ist, will ich mein Leben in einem europäischen Deutschland und im Westen rekonstruieren und aufarbeiten. Den Westen nannte mein Lehrer Horkheimer „eine Insel der Freiheit in einem Ozean der Gewaltherrschaft“ (aus dem Vorwort zu der zweibändigen Buchveröffentlichung Kritische Theorie, hier Bd. 1). Diese Bestimmung von einem Europa prägt mein Leben in einem westlichen Europa, nicht für ein Europa der Abschaffung individueller Freiheit im Namen des Respekts vor Vielfalt von einer Sammlung von religiösen und ethnischen Kollektiven. Von Horkheimer und Adorno habe ich am Beispiel Deutschlands die negativen Kehrseiten Europas kennengelernt. Dazu gehört die in zahlreichen Facetten historisch auftretende deutsche „Selbstvergötzung“ (Adorno), die sich oft in einem „deutschen kollektiven Narzissmus“ (Adorno) gestaltet. Die Deutschen pendeln dermaßen zwischen Absolutismen, ein Zustand, den schon Helmuth Plessner auf den Begriff brachte, als er feststellte, es sei den Deutschen nicht gelungen, ein „rechtes Maß“ zu finden. Ich kann diese Diagnosen der Deutschen aus einem vierundfünfzigjährigen Leben in Deutschland bestätigen. In dieser Autobiografie präsentiere ich mein Leben als einen Versuch, die Deutschen zu verstehen, weil sie den Bezugsrahmen meines Lebens als ein unter ihnen lebender Fremder bilden; die Deutschen sind ein Volk mit schändlicher NS-Vergangenheit des Judenmordes, dessen Opinion-Leaders zum Gegenextrem neigen, indem sie sich heute als global besorgte Gutmenschen präsentieren, die alle Probleme der Erde, von Überbevölkerung und der hiermit verbundenen Armut bis hin zu den weltweiten Diktaturen, auf dem Territorium ihres Landes lösen wollen. Ich werde ausführen, warum Deutschland mein Qismet/Schicksal und nicht das Land meiner Wahl war und bleibt.

1. Einführung: Vom „Denker der arabischen Linken“ (Sharabi) zum „Syrer mit deutschem Pass“ (Graf von der Goltz) unter Deutschen „ohne rechtes Maß“ (Helmuth Plessner) und auch „ohne Identität“ (D. Cohn-Bendit)

Ganz aufrichtig, der Begriff „Tollhaus“ in der Überschrift soll nicht als Schimpfwort wahrgenommen werden. Ich will nur eine dramatische Situation mit Bezug auf mein Leben als Fremder unter Deutschen beschreiben. Auf dem Höhepunkt der deutschen Leitkulturdebatte von 2000 veröffentlichte das Wochenmagazin „Der Spiegel“ mit einem Bild von mir prominent eine lange Leserzuschrift von mir eben mit dieser Überschrift „Im Tollhaus“. Seitdem und bis heute hat sich die politische Kultur Deutschlands nicht verändert. Die Deutschen sind so geblieben wie Adorno und Plessner sie vor Jahrzehnten beschrieben haben. Sie sind in dieser politischen Kultur stehengeblieben und schleppen die tradierten Probleme mit sich herum. Wer mir Essentialismus vorwirft, dem werfe ich Mangel an „Achtsamkeit“ und Empathie vor, ja auch einen Mangel an selbstkritischer Sicht im Kantischen Sinne.

Die beiden oben vorangestellten Zitate bringen einen Kernpunkt meines Lebens zum Ausdruck. Auch bringen diese beiden Zitate zwei kulturell unterschiedliche Lebensstufen meiner „Life-Story“ zum Ausdruck, sie stehen in Kontrast zueinander. Deutsche Kulturromantiker, die monokulturell leben und denken, träumen von exotisch-fremden Kulturen bzw. vom Leben zwischen den Kulturen, die oft auf eine deutsche Art als Folklore für Touristen degradiert werden. Diese Romantiker können in ihrer Gesinnungsethik kaum nachvollziehen, wie sehr Heimatlosigkeit ohne eine feste Verankerung in einer Kultur Schmerz bedeutet, ja sogar seelisch krank macht.

Das erste Zitat von Hisham Sharabi, einem amerikanisch-palästinensischen Historiker und politischen Philosophen, der zu Lebenszeiten (gestorben 2005) als distinguierter Professor an der renommierten Georgtown University zu Washington D.C. lehrte, stammt von 1970. Die darin enthaltene Aussage räumt mir ein, damals noch 25 Jahre alt, einen Rang in der arabischen Kultur – zu einer Zeit, als ich nur ein Doktorand in Frankfurt war – zu haben, den ich selbst als ein Professor mit weit mehr geistigen Leistungen an der deutschen Universität nie erlangt hatte, nämlich den Rang eines führenden politischen Denkers. Die zitierte Rezension von Sharabi über meinen Buch-Erstling „Die Arabische Linke“ von 1969 veranlasste damals Sharabis Freund und palästinensischen Mitstreiter Edward Said, mich in die USA nach Boston einzuladen, um als Redner auf dem Kongress der Arab American University Graduates (AAUG) aufzutreten. Es war für mich eine außerordentlich große Ehre, dort neben dem großen Gelehrten Jacques Berque als Redner aufzutreten. Als Edward Said mich Jacques Berque als Vertreter der Arabischen Linke vorstellte, stellte sich der allen bekannte Jacques Berque mit diesem Satz vor: „In dieser Welt gibt es nur zwei Gelehrte, die den Islam verstehen, c’est moi et Maxime Rodinson.“ Damals kannte ich Rodinson noch nicht. Später befreundete ich mich mit ihm und traf ihn persönlich in Chicago. In seinen Fußstapfen habe ich die Wissenschaft der Islamologie gegründet und 1986 sein Hauptwerk „Islam et Capitalism“ bei Suhrkamp in deutscher Sprache herausgegeben. Edward Said nennt dieses Werk „den Grundstein für die Überwindung des Orientalismus“.

Damals 1971 war ich frisch promoviert bei Prof. Iring Fetscher und durfte mit diesen geistigen Giganten umgehen. Als nächste Ehre folgte, das Edward Said mein in Washington gehaltenes Referat „The Arab Left: A Critical View Point“ persönlich redigierte und es in das von ihm 1973 herausgegeben Buch „The Arabs of Today. Alternatives for Tomorrow“ aufnahm. Welche Ehre, welche große Anerkennung für einen gerade 26 Jahre jungen Mann auf der internationalen Bühne, mit Edward Said als Gastgeber, neben Jacques Berques, Sadiq al-Azm, Hisham Sharabi und anderen großen Persönlichkeiten aufzutreten. Meine arabischsprachigen Aufsätze, deren Zahl sich auf ca. 40 beläuft, zwischen den Jahren 1966-70 entstanden, waren die Grundlage der Einordnung meiner Person als arabischer Denker, sogar „the most qualified among arab intellecutals“ (Sharabi). Aufrichtig: ich erröte bei dieser Einschätzung auch im Nachhinein, also noch nach 46 Jahren. Nie und nimmer hat ein deutscher Professor – außer meinem jüdischen Freund Professor M. Wolffsohn in seiner Laudatio auf mich bei meiner Emeritierungsfeier in der Aula der Universität Göttingen – eine solche Anerkennung meiner Person und meiner Arbeit auch nach der Vorlage von 41 Büchern, wie Professor Sharabi 1970, nur nach der Vorlage eines einzigen Buches getan hat, je gezeigt.

In einem Projekt meines Göttinger Kollegen Prof. Walter Reese-Schäfer (er gehört nicht zu den Göttinger Professoren, die mich jahrelang geschubst haben) über die „Intellektuellen und der Weltlauf“ (erschienen als Buch 2006), habe ich jene Zeit von 1966-70, von der ich bis heute als Zeit des „Prinzips Hoffnung“ (Bloch) träume, rekonstruiert. In jener Epoche, die für die arabische Welt zentral war, war ich noch ein Student, aber auch zu meinem Stolz der einzige arabisch-marxistische Denker mit Hegel-Kenntnissen und Marx-Lektüre im Original. Das verdanke ich dem Studium in Frankfurt. In einem Kapitel des Buches aus dem Projekt von Walter Reese-Schäfer – und zuvor (2004) in einem Essay in der Zeit – habe ich argumentiert, dass es zwei arabische Aufklärungen in der islamischen Zivilisationen gegeben hat. Die eine dauerte drei Jahrhunderte im Mittelalter (Averroes, Avicenna, al-Farabi; s.a. dazu mein Buch: Der wahre Imam), die zweite aber nur drei Jahre von 1967-70. Der allerwichtigste Denker jener Zeit ist der Rationalist und Humanist Mohammed Abid al-Jabri (vgl. meinen Aufsatz über seinen Humanismus in der amerikanischen Fachzeitschrift „Soundings“ von 2012). Al-Jabri ist 2010 verstorben und hat ein Riesenwerk hinterlassen. Weitere Denker der Arabischen Linken sind u.a. Sadiq J. al-Azm, Nadji Allusch und alle Anderen der Anthologie „Die Arabische Linke“ sowie die Autoren der linken Zeitschrift Dirasat Arabiyya und Mawaqif, beide in Beirut erschienen. In seinem Buch „The Arab Predicament“ hat auch Fouad Ajami über uns geschrieben.

Kurzum: beide arabischen Aufklärungsprojekte sind gescheitert. Die heutige islamische Zivilisation erleidet ihre dunkelste Epoche unter der geistigen Herrschaft des fundamentalistischen Islamismus, die ja dunkler ist als der Niedergang der islamischen Zivilisation nach Jahrhunderten zivilisatorischer Blüte im 13. Jahrhundert „When Baghdad Ruled the Muslim World“ ( Buchtitel des Historikers Hugh Kennedy von 2004).

Wir, arabisch-islamische Aufklärer und Träger der Arabischen Linken standen in der Tradition des mittelalterlichen islamischen Rationalismus, den Ernst Bloch in seinem Buch „Avicenna und die Aristotelische Linke“ würdigte. Nicht nur gegen despotische Herrschaft, sondern auch gegen die islamistische Opposition und ihren Islamismus mussten wir kämpfen. Die islamistische Opposition wollte nur die säkularen Diktaturen durch einen totalitären Scharia-Staat ersetzen, also keine Freiheit. Der Kampf ging nicht zu unseren Gunsten aus. Bereits zu Beginn der siebziger Jahre wurde deutlich, die Arabische Linke ist gescheitert. Wir wurden nicht nur von Diktatoren verfolgt, sondern auch von den Fatwas der Islamisten eingeschüchtert und marginalisiert. Bis auf al-Jabri, der als Professor an der Universität Rabat blieb, floh die Mehrzahl von uns nach Europa und in die USA. Ich entschied mich damals für Deutschland und stellte 1971 einen Antrag auf Einbürgerung im naiven Glauben, das Post-Nazi-Deutschland habe sich vom völkischen Denken befreit und wäre nun bereit, Fremde als Bürger im Sinne von Citoyen zu akzeptieren. Ich wurde enttäuscht und werde meine Erfahrungen hierüber in einem eigenen Abschnitt beschreiben, der im zweiten Teil dieser Autobiografie enthalten sein wird. Ich bin nicht nur von Deutschland und den Deutschen enttäuscht, sondern beklage mich darüber, dass sie mich nicht verstehen. Ein Beispiel hierfür: Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat 2006 einen für Deutsche beschämenden Artikel über mich veröffentlicht mit der Überschrift „Schwer integrierbar“, dies nur, weil ich mehr als einen deutschen Pass von Deutschland haben wollte, nämlich „belonging“, citoyennité bzw. citizenry. Als ich 1991 – damals in Deutschland als Vorzeige-Araber zelebriert im Kontext meiner Tätigkeit als Nahost-Kommentator im Zweiten Deutschen Fernsehen während des Golfkrieges und als häufiger Gastautor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – die Ehre bekam, als Gast der BMW-Stiftung auf einem Kongress in der Paulskirche zu reden, wurde ich, wie im oben angeführten Motto zitiert, sicherlich nicht mit einer schlechten Intention als „Syrer mit deutschem Pass“ vorgestellt. Der Autor des Zeit-Artikels „Schwer integrierbar“ und viele Deutsche, wie der BMW-Chef Graf von der Goltz verstehen nicht, dass dies verletzt. Dagegen haben Amerikaner, Franzosen, Engländer, u.a., denen ich diese Story erzählte, verstanden, was ich meinte. Auch unter deutsch sozialisierten Juden, wie meine Freunde Reinhard Bendix und Herbert Kelman, die meine Geschichte aus dem eigenen Schicksal unter Deutschen kennen, habe ich mich zu 100 % verstanden gefühlt. Dagegen hält mir der Zeit-Autor vor, das Deutschland mir „einen Bürgertraum“ erfüllt habe und dennoch wäre ich undankbar: Ist es ein „Bürgertraum“ ohne eine Bürgeridentität (Citoyen, Citizen) zu leben und entsprechend behandelt zu werden?

Heute, angesichts des Zustroms von Millionen Muslimen, mehrheitlich Syrern, also Menschen ohne einen deutschen Pass, die auf Einladung von Bundeskanzlerin Merkel nach Deutschland kommen, besteht auch für uns Fremde, die in Deutschland leben, eine kritische Situation. In der deutschen Tradition des „kollektiven Narzissmus“ (Adorno) will die Bundeskanzlerin ein „freundliches Gesicht“ zeigen. Diese kritische Situation aktualisiert die Frage über Identität und Bürgergesellschaft. Ich mache mir keine Freunde in diesem Lande, wenn ich diese Fragen heute aufwerfe und in der folgenden Autobiografie an zentrale Stelle setze. Ich würde wie in einer Diktatur ersticken, wenn ich mir nicht die Freiheit nehmen kann, das, was ich über Deutschland und Deutsche denke und fühle, offen zum Ausdruck zu bringen. Ich sehe mit Sorge, wie schnell diese Freiheiten in Merkels Deutschland schwinden. Der Schweizer Publizist Frank A. Meyer hat im Cicero (Heft 1/2016) im Artikel „Maul halten!“ Merkels Republik beschrieben. Auch die Zeitung „Die Welt“ in der Ausgabe vom 19. Januar 2016 wagte die Überschrift für den Front-Page-Bericht „Einfach die Klappe halten!“. Ich beschreibe diese Kultur der Angst in einem Artikel, den ich nicht in Deutschland veröffentlichen konnte. Mein Artikel „Warnung vor der Tyrannei“ (erschienen in der Weltwoche in Zürich) behandelt die Kultur der Angst, die an unrühmliche deutsche Zeiten erinnert. In einer Zeit, in der eine millionenstarke demografische Lawine von Armuts- und Kriegsflüchtlingen aus der Welt des Islam nach Europa – und besonders auf Basis der Merkel-Einladung – nach Deutschland strömt, hat bis heute keine einzige Sitzung des Bundestages mit einer parlamentarischen Debatte über diesen Gegenstand stattgefunden. Die Bundeskanzlerin entscheidet allein – ähnlich wie in der alten DDR – und sie wird flankiert von medialen Ja-Sagern und Meinungsmachern, die jede Diskussion blockieren. Wer den Mund zu öffnen wagt, wird an den rechten Rand geschoben. Eben deshalb schweigt die Mehrheit.

Wie wird Deutschland die neuen Millionen Muslime integrieren? Wird die Bundesregierung diese Fremden alleine „mit deutschem Pass“ (Graf von der Goltz) ausstatten, um das Problem zu lösen? Schon wieder: Deutsche handeln, ohne ein „rechtes Maß zu finden“ (Plessner) und „ohne Identität“ (Cohn-Bendit); außer Alimentierung haben sie nichts zu bieten. Sind die Deutschen, wie der deutsche Graf von der Goltz, der mich im oben zitierten Motto als „Syrer mit deutschem Pass“ ausweist, der „unter uns“ lebt, also nicht als einer von uns, das Model? Dieser Syrer, „der mit deutschem Pass“ ausgestattet ist, ist also juristisch legitimiert „unter uns zu leben“, gehört aber nicht zum „deutschen Volk“; so sehen mich auch heute die meisten Deutschen. Neu ist dies: Heute zelebrieren sich die Deutschen „selbstgefällig“ (H.A. Winkler) als „Volk der Willkommenskultur; adäquater wäre es jedoch von Willkommensmantra zu sprechen, weil hier ein quasi-religiöser Jargon verwendet wird.

Die beschriebenen Extreme charakterisieren das heutige Tollhaus Deutschland, das alleine im Jahr 2015 neue 1,1 Millionen (dies die offizielle Zahl, die genaue Zahl ist höher) muslimische Fremde ungeordnet, also ohne Papiere und Identitäten, aufgenommen hat. Auch in diesem neuem Jahr 2016 wird es weiter so verlaufen. Helmuth Plessner bedauert „wir Deutsche verstünden in Dingen des öffentlichen Lebens kein rechtes Maß zu finden“. Quod erat demonstrandum.

Bei meinem damaligen Auftritt in der Paulskirche 1991 nach dem Golfkrieg hat besagter deutscher Graf nicht nur seine persönliche Meinung, sondern auch eine deutsche Denkweise zum Ausdruck gebracht. Ein Jahr später, 1992, habe ich in meinem, zu dem vom kurdischen Schriftsteller Namo Aziz herausgegebenen Band „Fremd in einem kalten Land“ dem deutschen Grafen heftig widersprochen. Gewiss, nicht aus Feigheit, sondern aus Gründen des Anstandes (ich wollte die BMW-Veranstaltung in der Paulskirche nicht stören) habe ich mich in der Paulskirche mit meinem Einspruch zurückgehalten. Der deutsche Graf war ein deutscher Gutmensch und hatte keine Absicht, mich zu verletzen. Ihm fehlten jedoch die Empathie und auch die kognitive Fähigkeit, um zu erkennen, dass seine Worte, ich sei „ein Syrer mit deutschem Pass“, bei mir als Bürger dieses Landes als Akt der Ausgrenzung ankamen. Ich fühlte in der Paulskirche kein Lob, sondern einen Messerstich. Was soll ich davon halten, wenn die Deutschen sich nun wieder als Führer, aber diesmal einer Willkommenskultur in Europa feiern? Haben sich die Deutschen seitdem geändert? Keine Ausgrenzung mehr? Um eine Antwort auf diese Fragen zu geben und um den Zusammenprall von zwei Wahrnehmungen, die des Grafen und die eines eingebürgerten Syrers, zu erkennen, habe ich folgende autobiografische Skizze geschrieben. Mein Leben unter Deutschen für mehr als ein halbes Jahrhundert bestätigt als Fakt die von Helmuth Plessner in „Diesseits der Utopie“ (Suhrkamp 1974) gemachte Beobachtung, dass die Deutschen als Eigentümlichkeit mit sich tragen: „Kein rechtes Maß zu finden“. Damit beginne ich meine autobiografische Skizze. Ich habe dem Grafen in dem Band „Fremd in einem kalten Land“ bereits 1992 höflich widersprochen, worauf ich später im Einzelnen eingehen werde.

Unmittelbarer Zugang zu folgenden autobiografischen Ausführungen ist die globale Flüchtlingskrise, die die tradierte deutsche Unfähigkeit ein „rechtes Maß“ zu finden nachhaltig veranschaulicht. Die Krise resultiert aus dem demografischen Zustrom von Millionen Armuts- und Kriegsflüchtlingen nach Europa. Das UNHCR hat im Dezember 2015 die Zahl hierfür von 60 Millionen angegeben, von denen die Mehrheit Europa als Ziel sieht. Gerade die Unfähigkeit der politischen Führung der Bundesrepublik Deutschland, den Zustrom der Flüchtlinge im Rahmen eines politischen Konzeptes zu bewältigen, hat die Situation verschärft, auch für die in Deutschland lebenden Fremden. Daraus resultierte eine Art Selbstlauf des naturwüchsigen Lebens in Flüchtlingslagern, aus denen in absehbarer Zukunft problematische und konfliktbeladene Parallelgesellschaften hervorgehen werden. Unter diesen Bedingungen entschloss ich mich, mit der oben zitierten Vorstellung meiner Person in der Paulskirche im Hintergrund, eine neue Fassung meiner bisherigen Autobiografie von 2014 (anlässlich meines 70. Geburtstages) anzufertigen, in der die beanstandete Vorstellung „Syrer mit deutschem Pass“ sogar als Motto steht.

Ich fasse mein Leben in Europa mit den Worten zusammen: Ich bin ein Syrer mit deutschem Pass, der gescheitert ist, als gleichwertiger Bürger eines demokratischen Gemeinwesens im Sinne von Citoyen anerkannt zu werden. Viele Deutsche werden widersprechen. Meine Antwort ist: mich interessiert die Realität, nicht die Sprüche, die sie verdrehen. Die folgende Autobiografie über mein Leben unter Deutschen soll illustrieren und ganz gewiss keine Anklage sein. Ich will verstehen und erklären, keine Schuldigen suchen. Ich hoffe, dass diese 2016 revidierte Autobiografie eher als Anregung aufgenommen wird, die Probleme selbst und die unerträglichen Heucheleien der deutschen Gesinnungsethiker in ihrer Widersprüchlichkeit besser verstehen zu können. Auch hoffe ich, eine Diskussionen anzuregen, mit dem Ziel eine bessere Zukunft für das gemeinsame Leben von Fremden und Deutschen in einem wohl demokratischen Deutschland anzustreben. Jene Deutsche, die ihr Mantra als eine verbale Fremdeneuphorie betreiben und auch parallel jene Deutsche, die Kritik mit „Terror“ bzw. „Panikmacherei“ oder auch „Rechtspopulismus“ gleichsetzen, sind keine Gesprächspartner für mich. Solange Deutsche kein „rechtes Maß“ (Plessner) finden, werden sie eine Last für sich, für die Fremden und für die europäischen Nachbarländer bleiben. Dies wünsche ich nicht. Ich versuche, optimistisch zu sein, indem ich die Hoffnung hege, dass die Deutschen in dieser Schicksalsstunde Europas doch „ein rechtes Maß finden“ und mit ihren Sonderwegen aufhören. Das dritte Problem, das in dieser Einführung und noch ausführlicher im fünften Abschnitt zu besprechen ist, lautet „Integration und Identität“. Linke und grüne Ideologen wie Daniel Cohn-Bendit sagen offen „Es gibt keine deutsche Identität“. Wenn dies zutrifft, dann wird in einem Pathos des Absoluten verneint, dass Fremde ja als deutsche Bürger integriert werden können.

Nun zur Autobiographie: Ich bin ein in Damaskus am 4.4.1944 geborener Mensch sunnitisch-islamischen Glaubens und syrisch-arabischer Ethnizität. Ich lebe in Deutschland seit 1962 und besitze einen deutschen Pass seit 1976. Offen gesagt, Deutschland war nie mein Traum; es wurde mir dennoch ungewollt zum Schicksal. Hierfür verwenden gläubige Muslime in ihrer Hauptsprache Arabisch das Wort Qismet. Als ein einer aristokratischen Aschraf-Familie entstammender Schuljunge in Damaskus träumte ich vom Land von James Dean und Elvis Presley sowie von einem Studium in Harvard und nicht von einem Land, dessen Volk Europa in zwei Weltkriegen verwüstete und den größten Völkermord an sechs Millionen Juden mit den entwickelten Methoden moderner Technologie vollzog. Ich habe 56 Jahre unter Deutschen gelebt und verstehe sie bis heute nicht. Mein von den Nazis 1933 aus Deutschland vertriebener Lehrer Theodor W. Adorno kehrte 1950 nach Deutschland zurück. In seinem Essay „Auf die Frage: Was ist deutsch?“ kritisiert er den „deutschen kollektiven Narzissmus“ und beleuchtet die Verwurzelung der Deutschen in dieser Krankheit. Ich werde hierauf unten in einem eigens dafür vorgesehenen Abschnitt näher eingehen.

Nach 54 Jahren Leben in Deutschland hängt meine Zuneigung zu diesem Land, ähnlich wie bei Adorno, mit der deutschen Sprache und Kultur zusammen: eine akademische Sozialisation in deutscher Sprache, in der ich 30 Bücher und hunderte von Aufsätzen geschrieben habe, hat mein Leben geprägt. Diese positive Bemerkung gilt jedoch nicht für das, was man „deutsches Volk“ nennt. Dies ist kein Gemeinwesen, sondern ein ethnisch exklusives Gebilde, zu dem ich ebenso gehöre wie meine jüdischen Lehrer Adorno und Horkheimer sowie meine jüdisch-deutschen Mentoren Reinhard Bendix, Bernard Lewis und Herbert Kelman. In der folgenden Autobiografie werde ich begründen, warum ich die französische Definition der Nation als „plébiscite de tous les jours“ (Ernest Renan) der deutschen der ethnischen Herkunft vorziehe. Das deutsche Volk ruft Angst in mir hervor, die deutsche Sprache hingegen liebe ich, weile sie diejenige von Kant und Hegel ist. Vor diesem Hintergrund schreibe ich die folgende autobiografische Skizze; sie beschränkt sich auf mein Leben als muslimischer Migrant in der deutschen Diaspora von 1962-2016 und hat meine ambivalente Beziehung zu Deutschland zum Gegenstand. Ich werde begründen, warum ich meine Lebensjahre in meiner geliebten Heimat Damaskus (1944-1962), das heute von Barbaren aller Art vernichtet wird, ausklammere. Beim Schreiben dieser Zeilen sieht es nicht gut aus in Deutschland, und noch viel weniger in Syrien, wo ein „protracted conflict“ wütet (vgl mein Essay „Mein Syrien“ in: Weltwoche Zürich, siehe auch meine Homepage).

Parallel zur Zunahme der deutschen Wohnbevölkerung allein in 2015 um weit mehr als eine Million Menschen durch illegale Migration und Armutsflüchtlinge aus der Welt des Islam beginnt für mich ein Prozess des Zerfalls des deutschen demokratischen Gemeinwesens, das deutsche Demokraten mit westlicher Unterstützung nach 1945 aufbauten. Deutschland ist verantwortungslos bei der Aufnahme und versagt völlig bei der Integration. Deutsche Politiker verstehen unter Integration das Tragen der Sozialkosten für Migranten, nicht deren Eingliederung in ein Gemeinwesen. Deshalb glaube ich nicht an die inhaltsleere Formel „Wir schaffen das“ der Bundeskanzlerin. Von Max Weber habe ich gelernt zwischen Verantwortungsethik und Gesinnungsethik zu unterscheiden. Deutsche Meinungsmacher glauben gesinnungsethisch, die tatsächlichen gesellschaftlichen Konflikte und Probleme der Welt durch eine ungezügelte Öffnung ihrer Grenzen und durch eine ungezügelte Willkommenskultur als Mantra zu lösen. Die Konflikte im eigenen Land glauben sie durch eine verordnete Flüchtlingseuphorie parallel zu einer Zensur wegzuzaubern. Diese Euphorie einer rhetorischen Willkommenskultur als Mantra versandet in einer Gesinnungsethik bar jeglicher Verantwortungsethik. Artikel 5 des Grundgesetzes über Meinungsfreiheit scheint nicht mehr zu gelten. Ich erfuhr dies als Publizist am eigenen Leib, weil ich nicht mehr in Deutschland veröffentlichen durfte. Deshalb musste ich geistig in die Schweiz flüchten, um in Zürich meine drei Artikel von 2015 „Welcher Islam für Europa“, „Warnung vor der Tyrannei“ und „Mein Syrien“ zu veröffentlichen (siehe auch den Link auf meiner Homepage). In diesen Artikeln äußere ich mich zu der 2015 ausgelösten Flüchtlingskrise. Deutsche Gesinnungsethiker predigen „Öffnung“, praktizieren jedoch eine Tyrannei über Gesinnung gegen Andersdenkende mit einem deutschen „Pathos des Absoluten“ (Adorno).

2. Ein muslimischer Migrant aus Damaskus schätzt deutsch-kritisch als Zweifler unter dem Einfluss deutsch-jüdischer Mentoren das deutsche Gelübde ein: „Nie wieder“. Die deutsche „Selbstvergötzung“ (Adorno) im Pendeln zwischen den Absolutismen des Bösen und des Guten des „deutschen kollektiven Narzissmus“ (Adorno). A never ending story. Veröffentlichungen und das Werk

Ich bin ein Deutschland-Kritiker und dennoch mag ich dieses Land, wenngleich mit gemischten Gefühlen. Diese Haltung resultiert aus einem Leben unter den neurotischen Deutschen; sie ist auch unter dem Einfluss meiner jüdischen Mentoren entstanden. Mein jüdisch-deutscher Lehrer Theodor W. Adorno, der der Naziherrschaft in die USA entfloh, kehrte doch 1950 nach dem Sieg über Hitler aus Zuneigung nach Deutschland zurück. Er schrieb einen Essay mit dem Titel „Auf die Frage: Was ist deutsch?“, in dem er seine Ambivalenz beschreibt, die ich voll teile. Dieser Essay hat mich und mein Denken über die Deutschen sehr beeinflusst. Darin räumt er ein, dass es ihm nicht möglich ist, auf diese Frage „unmittelbar zu antworten“. Ähnlich wie wir Menschen aus dem Orient sucht Adorno Umwege, um zu sagen, was deutsch ist. Einer dieser Wege ist dieser: Hitler war kein Unfall, er ist in der deutschen Geschichte verankert, weil sein Erfolg auf einer deutschen Tradition fußt, vor allem auf „dem Pathos des Absoluten“, sowohl im Schlechten als auch im Guten. Adorno will nicht in Hitler als „ein Schicksal den deutschen Nationalcharakter“ zuschreiben, und dennoch betont er, dass Hitler nicht „zufällig war“. Ohne das Pathos des Absoluten, hätte der „Hitler nicht gedeihen können“. In den westlichen Ländern, wo „die Spielregeln … tiefer eingesenkt sind, wäre er dem Lachen verfallen“. Das von Adorno beanstandete „Pathos des Absoluten“ lebt in Deutschland auch nach Hitler fort, auch bis heute noch, sowohl links als auch rechts; ich sehe diesen Ungeist sogar im Willkommensmantra der Selbstgefälligen als Gesinnung deutscher global besorgter Gutmenschen, die einen moralischen Imperialismus vertreten. Dies mag mancher nicht hören wollen; es ist aber wahr, und keiner kann mir verbieten, dies öffentlich zu sagen, natürlich mit dieser Einschränkung: solange das Grundgesetz gilt.

Rhetorisch nehmen heutige Deutsche Abstand vom „Absolutismus des Bösen“ der Rechten, so wie dieser auch im Dritten Reich verkörpert war. Werden sie bei der Selbstläuterung sich hiervon generell befreien? Ich sage: ich befürchte Nein, solange sie die Voraussetzungen hierfür nicht erfüllen. Statt sich zu der Kantischen Autonomie der „Selbstverantwortung des vernünftigen Individuums“, so die Worte Adornos und Plessners, zu bekennen, bewegen sich heutige Deutsche von einem Extrem des Absolutismus zu einem anderen, ohne dabei zu lernen. Ich nenne „das Pathos des Absoluten“, dass das Willkommensmantra dirigiert, einen Absolutismus des Guten.

Ich wage es als Fremder unter Deutschen beide Absolutismen miteinander zu vergleichen: Hitler war ein Charakter, der in Deutschland zu jeder Zeit wieder auftreten kann. Der reale Hitler war ein Judenmörder als Ausdruck des bösen Absolutismus. Die Negation von Hitler innerhalb der Deutschen „Selbstvergötzung“ als „Pathos des Absoluten“ geschieht in einem Geist des Gutmenschen, der seinen Absolutismus dem Rest der Menschheit als moralischen Absolutismus vorschreibt. Beide Absolutismen sind Extreme und das Pendeln zwischen den Extremen kennzeichnet zwei Seiten derselben Medaille in Geschichte und Gegenwart Deutschlands. Im nächsten Abschnitt werde ich Helmuth Plessners Kritik, der Neigung der Deutschen zwischen den Extremen zu pendeln, im Kontext meines Lebens unter Deutschen, die es auch nach Hitler nicht geschafft haben „im öffentlichen Leben ein rechtes Maß zu finden“ (Plessner), Aufmerksamkeit schenken.

Adorno war mit Plessner befreundet und er meint mit dem obigen Zitat genau das, wovon Plessner spricht, nämlich, dass die Deutschen zur „Selbstvergötzung“ und somit zum Absolutismus neigen, sei es im Negativen, sei es im Positiven. In diesem Zusammenhang fühlte sich Adorno von jenen Deutschen gestört, die eine „innere Zensur“ betreiben. Dieser deutsche Geist verhindert nach Adorno „nicht nur die Äußerung unbequemer Gedanken, sondern diese selbst“. Heute, 2016, kann diese von Adorno im Deutschlandfunk am 9.5.1965 geäußerte Idee als eine Beschreibung einer allgemeinen Bestimmung des geistigen Klimas in der ganzen Bundesrepublik Deutschland geäußert werden (Adornos Text ist in seiner Aufsatzsammlung „Stichworte“ aus dem Jahr 1969 enthalten). Die Bundesregierung, die von der in der DDR erzogenen Kanzlerin Merkel getragen wird und die sie flankierenden Medien vertreten konsensuell ein Willkommensmantra, das allen vorgeschrieben wird. Wer hiervon abweicht, wird als „rechtspopulistisch“ oder noch schlimmer als Nazi ausgegrenzt. Aus Furcht vor diesem Klima flüchtete ich in die Schweiz, um in der Züricher Wochenzeitung Weltwoche meinen Essay „Warnung vor der Tyrannei“ – unter Berufung auf John S. Mills „On Liberty“ – als Warnung vor der deutschen Zensur zu veröffentlichen. In jenem Essay erinnere ich die Deutschen an die Tyrannei, die sie auch in ihrer Vergangenheit ausübten.

Wie mein jüdischer Lehrer Adorno, der vor den Nazis 1933 in die USA floh, verehre ich Immanuel Kant als einen Philosophen, dessen Denken „im Begriff der Autonomie die Selbstverantwortung des vernünftigen Individuums anstelle blinder Abhängigkeiten“ setzt, verankert ist. Kant war deutsch, aber diese Verbürgerlichung, die in seinem Denken zum Ausdruck kommt, war und ist „in Deutschland nicht so eng gesponnen wie in den westlichen Ländern“ im „zivilisierten Netz“, schreibt Adorno. Daher betrachten demokratische deutsche Historiker die Kant und Adorno verbunden sind, wie Heinrich-August Winkler, die Zivilisierung Deutschlands nach 1945 als Verwestlichung. Winkler schätzt – wie ich übrigens auch – das Willkommensmantra der deutschen Gutmenschen in einem Artikel in der FAZ als „Selbstgefälligkeit“ ein.

In Merkels Deutschland wird die Bundesrepublik in einem DDR-Geist, so scheint es mir, entwestlicht. Laut Wikipedia war Merkel in der DDR Mitglied der kommunistischen FDJ und dort Referentin für „Agitation und Propaganda“. Sie hat ihre Dissertation mit einem schriftlichen Text eingereicht, in dem sie begründet, dass ihr Denken im Marxismus-Leninismus verankert ist. Das ist weder Kants Begriff der „Autonomie der Selbstverantwortung des vernünftigen Individuums“, so die Worte Adornos für die Kantische Philosophie, noch westliche Demokratie. Der Absolutismus von rechts ist die eine Seite der Medaille, die andere ist der Absolutismus des Gutmenschen. Adorno spricht von der „Formel des deutschen kollektiven Narzissmus“ als einer Gefahr für die Kantische Autonomie. Wenn Deutsche sich nicht von diesem kollektiven Narzissmus und Absolutismus befreien, können sie sich nicht vom Geist der NS-Mörder befreien. Ich misse diese Befreiung beim Pendeln zwischen den Extremen entgegengesetzter Absolutismen. Ich maße es mir an, nach 54 Jahren als ein Fremder unter Deutschen, mit der Autorität meiner jüdischen Mentoren diese Befreiung anzumahnen.

Adorno, sowie andere deutsche Juden, die als Mentoren einen großen Einfluss auf mein Leben als akademische Lehrer hatten (so etwa Bloch oder Bendix) haben meine intellektuelle Entwicklung entscheidend beeinflusst. Ich betone daher gleich zu Beginn meiner Autobiographie als stolzer Bürger der Grundgesetzordnung der Bundesrepublik Deutschland, dass ich bei der Verwendung der Begriffe Nazi und Post-Nazi keine unzulässigen Vergleiche von heute und damals vornehme – obwohl ich oben Kontinuitäten feststelle. In einer zusammen mit Julius Schoeps und Otto Schily gehaltenen Vorlesungsreihe „Der neue und alte Rechtsradikalismus“ an der Universität München 1993 (erschienen unter demselben Titel auch 1993 im Piper-Verlag; meine Vorlesung ist auch in der DGB-Zeitschrift „Gewerkschaftliche Monatshefte“ publiziert worden) habe ich den deutschen und islamistischen Rechtsradikalismus miteinander verglichen, aber die „falsche Parallele“ muslimische Migranten von heute und jüdische Naziopfer von damals strengstens zurückgewiesen. Auch habe ich in jenem Jahr 1993 in der einflussreichsten deutschen Tageszeitung FAZ den Artikel „Falsche Parallele“ in diesem Sinne veröffentlicht.

Unter Beibehaltung dieses Geistes der Differenzierung möchte ich einen Teil der Vergangenheit vergegenwärtigen: Die deutsche Reue über den Völkermord an den Juden wurde stets mit dem Gelübde „Nie wieder“ bekräftigt. Aus der Perspektive dieses Textes als Autobiographie möchte ich fragen, ob diese Zusicherung auch für die Haltung der in Deutschland lebenden Muslime heute gilt? Und wie gilt dieser Spruch? Ist etwa für Muslime zulässig, was für Deutsche verboten ist, also Antisemitismus, auch wenn dieser als Antizionismus verkleidet wird? Ich betrachte die Antwort auf diese Frage als Teil meiner Biografie über mein Leben als Muslim unter Deutschen und über die Ehrlichkeit deutscher Meinungsmacher mit den schwarzen Seiten ihrer Geschichte.

Auf der Basis von solider Forschung behaupte ich, dass der virulente Antisemitismus von heute in der Welt des Islam wütet. Dieser kommt nach Deutschland zusammen mit den islamischen Zuwanderern. Was tun Deutsche dagegen? 2007 wirkte ich erstmals an einem Trialog am US-Holocaust-Memorial-Museum (US-HMM) und dann war ich 2008 sowie 2010 als erster Muslim als Rosneck-Fellow for study of antisemitism am Center for Advanced Holocaust Studies des USHMM tätig. Meine Forschung über den islamischen Antisemitismus veröffentlichte ich in meinem Buch „Islamism and Islam“ bei Yale University Press. Nicht nur ein Humanismus leitete mein Denken bei dem Versuch, den Antisemitismus zu verstehen und zu bekämpfen, sondern auch Danksagung und Empathie gegenüber meinen jüdischen Lehrern und Mentoren, die unter Antisemitismus gelitten haben. Ich erweiterte diesen Respekt auf den jüdischen Staat Israel, in dem die Juden ihr Recht auf Souveränität wahrnehmen. Jedoch verlange ich von meinen jüdischen Freunden, dass dieses Recht auch für die Palästinenser gilt, ohne jedoch einen Millimeter Freiraum für Antisemitismus von Hamas und anderen palästinensischen Organisationen zuzulassen, sowie manche Deutsche dies heute im Rahmen „des Kampfes für die Rechte der Palästinenser“ zu tun pflegen. Diese Ansichten habe ich laut ausgesprochen im Jahre 2000 in einer Vorlesung, die ich über diese Probleme an der Hebrew University von Jerusalem gehalten habe. Auch an der Hebrew University habe ich einige Jahre später jene Deutsche, die sich hinter dem Antizionismus versteckten als „verkappte Antisemiten“/ „closet antisemits entlarvt.

Die Frage, ob die deutsche Zusicherung in Bezug auf die NS-Vergangenheit „Nie wieder“ auch als Verpflichtung für die muslimische Bevölkerung Deutschlands (2016 beträgt die Gemeinde schon 6 Millionen, Tendenz steigend) gilt, versuchen viele Deutsche zu entgehen; sie rechtfertigen ihre Duldung des islamischen Antisemitismus mit ihrem Respekts vor dem Islam sowie vor anderen Kulturen. Das ist nichts anderes als pure Heuchelei. Ich bin dank meiner akademischen Sozialisation in der Kritischen Theorie direkt bei ihren geistigen Gründungsvätern Adorno und Horkheimer dem Konzept der Kritik verpflichtet, um so alle Formen des Antisemitismus als Rassismus zu kritisieren. Dank dieser Sozialisation habe ich für mich gelernt, nicht nur in Bezug auf den Islam, sondern auch und vor allem auf Deutschland im Cartesianischen Sinne Zweifel und kritische Reflexion miteinander zu verbinden. Im heute vorherrschenden deutschen Narrativ wird der Begriff Kritik (man bedenke positiv die drei Kritiken von Immanuel Kant) negativ mit Anfeindung und Phobie, nicht mehr mit Reflexionen verbunden. Hierdurch wird „Kritik“ durch manchen Deutschen kontaminiert. Rechtsradikale werden mit Islamkritikern gleichgesetzt, Kritik und Zweifel gelten bei heutigen deutschen Meinungsmachern als „rechts“. Dieser deutsche Ungeist kommt schon in den Titeln einflussreicher Bücher zum Ausdruck. Eine türkischstämmige Berliner Senatorin hat mit Impertinenz die Feststellung zurückgewiesen, dass der Antisemitismus tief in der Berliner Islam-Gemeinde verankert ist; sie argumentierte „Antisemitismus ist deutsch und rechtsradikal“. Und wie steht es um die islamistischen gewalttätigen Antisemiten?

Wer das vorherrschende Narrativ in der Migrationsdebatte kritisch beäugt, wird im höchsten Maße fragwürdig als „Zweifler“ (Descartes und Cartesianismus) verfemt. Zweifeln ist nun eine zentrale Grundlage des Denkens von Descartes und der rationalistischen Epistemologie des Cartesianismus. Wenn Zweifler mit Rechtsradikalen gleichgesetzt werden, dann stellt sich die Frage: Was haben die Deutschen aus ihrer Vergangenheit gelernt? Wollen wir uns einen medialen Fall im Folgenden anschauen:

Nach der Logik von Claus Kleber im ZDF-Heute-Journal, der das Willkommensmantra vertritt, werden Zweifler mit Rechtsradikalen gleichgesetzt. Es kommt noch schlimmer. Beide gehen zudem auf die Straße, um zu demonstrieren. Was für eine Sünde! Claus Kleber, der das ZDF zu einem Pro-Merkel-Propagandasender degradiert hat, verwechselt offensichtlich das Eintreten für die Willkommenskultur mit einem sachlichen Journalismus in seiner zitierten Anmoderation, die auch von Jan Fleischhauer in Spiegel-Online beanstandet wurde. Fremdenfeinde und Zweifler werden gleichgesetzt, um auf dieser Grundlage die Kritik an der Flüchtlingseuphorie zu unterdrücken. Dies kommt in dem Satz von Kleber zum Ausdruck, in dem er jede Kritik verfemt, die „Zweifler“ auf die Straße bringt. Das ist schlicht ungeheuerlich.

Mit Recht hat Jan Fleischhauer in Spiegel-Online den Begriff „Zweifler“ gegen ZDF-Kleber verteidigt mit den Worten „Ich hielt Zweifler bislang für eine neutrale Bezeichnung, die einen eher ausschmückt.“, eben als Cartesianer. Was die Cartesianische Denkweise zum Ausdruck bringt ist edel und nicht rechtsradikal. ARD- und ZDF-Journalisten wie Claus Kleber die das Willkommensmantra der Bundesregierung medial flankieren und „Meinungsmacht“ über Andersdenkende darstellen, blenden „kritische Stimmen“ im Namen des Kampfes gegen rechts aus. Für mich reflektiert diese Vorgehensweise eher eine politische DDR-Kultur als ein verwestlichtes Westdeutschland nach 1945

Nirgendwo in Westeuropa – mit Ausnahme Deutschlands – gab es bisher Gutmenschen, die ihr Willkommensmantra auf Bahnhöfen, von ARD-ZDF-Kameras begleitet, zur Schau stellten. Sind alle anderen Europäer, die dies nicht tun, rechtsradikal? Nach der Logik von ZDF-Kleber müssen „Zweifler“ in die Kategorie der „Rechtsradikalen“ eingeordnet werden. Wenn man diese Denkweise zulässt, müssen alle anderen nichtdeutschen Europäer, die vom deutschen Absolutismus, Narzissmus und Selbstgefälligkeit Abstand nehmen, als „Rechtsradikale“ eingeordnet werden. Wohin treibt dieser neue moralische Imperialismus Deutschlands? Als ein Fremder unter Deutschen macht mir ZDF-Klebers Diffamierung der „Zweifler“ Angst, weil ich als Schüler der Kritischen Theorie mich als einen muslimischen Cartesianer einordne, mich also zu den „Zweiflern“ zähle und das ist mein epistemologisches Bekenntnis gegen den neuen deutschen Irrationalismus und sein „Pathos des Absoluten“ (Adorno). Natürlich gibt es viele Deutsche, die wie ich dieses Pathos ablehnen, aber leider dominiert es in dem herrschenden Narrativ in Medien und Politik. Dies kann man klar in der Migrationsdebatte feststellen, die mit im höchsten Maße fragwürdigen deutschen Büchern wie „Kritik und Terror“ (von Klaus Bade) oder „Die Panikmacher“ (von Patrick Bahners) geführt wird. Aufklärung über den islamistischen Antisemitismus gehört zur Islamkritik und diese ist definitiv keine Islamophobie. Im herrschenden Narrativ wird nicht zwischen Islam und Islamismus unterschieden. Kritik wird mit Phobie gleichgesetzt und Gesinnungsethik wird für eine Analyse der Realität gehalten. Dies führt in die Irre.

Ich möchte die obige Diskussion mit dem Gelübde „Nie wieder“ in einen Zusammenhang bringen mit einen Artikel in der Zeit von Giovanni di Lorenzo, in dem er berichtet, dass seine Journalisten in Berlin folgendes herausfanden: Fünfzig Prozent der interviewten Syrer gaben sich als Hitlerbewunderer aus. Das wundert mich als Syrer nicht. Di Lorenzo berichtet über eine Debatte in der Redaktion, bei der Zeit-Journalisten für eine Nichtveröffentlichung dieser Fakten plädierten, um die syrischen Kriegsflüchtlinge als „Minderheit“ zu schützen. Glücklicherweise hat di Lorenzo sich nicht daran gehalten und die Fakten veröffentlicht. Ist also Hitler-Bewunderung nur verwerflich, wenn sie von einem Deutschen kommt? Gilt das Gelübde „Nie wieder“ nicht allgemein, also auch für alle, die in Deutschland leben?

Unter den islamischen Flüchtlingen, die 2015 zu Hunderttausenden nach Deutschland kamen, befinden sich tausende Antisemiten. Ich weiß aus meiner Schulzeit in Damaskus, wie Judenhass zum Schulunterricht gehört. Es ist weder „Terror“ noch „Panikmacherei“, wenn man hierüber aufklärt und Kritik ausübt. Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland Schuster hat die Sorgen der deutschen Juden vor dem neuen arabischen Antisemitismus der eingewanderten Islamisten zum Ausdruck gebracht. Dies kam als eine Nachricht im ZDF jedoch verbunden mit anschließendem Interview-Statement der Organisation Pro Asyl, bei der ein Pro-Asyl-Funktionär unwidersprochen den deutschen Juden über Moral und Recht belehrte. Meine Reaktion ist schlicht: Pfui! Ich stehe dazu, dass Deutsche angesichts ihrer historischen Belastungen keine Legitimität haben, anderen, erst recht Juden, über Moral und Recht als Pflicht zu belehren.

Der deutsche Sonderweg der Zerstörung des Gemeinwesens in Deutschland erfolgt durch die Einladung von Millionen von Menschen als religiöse und ethnische Kollektive im Rahmen einer naturwüchsigen Zuwanderung aus anderen Kulturen, die das bestehende Gemeinwesen eher gefährden als bereichern. Diese Zuwanderung wird weder kontrolliert noch koordiniert, sie erfolgt also illegal; der deutsche Fall stellt kein Vorbild für den Rest Europas dar. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat auf der Frontpage ihrer Ausgabe vom 28. Januar 2016 die Frage gestellt „Sind die Deutschen verrückt? Oder ist es der Rest der Welt, der keine Flüchtlinge aufnimmt?“ Die Kanzlerin will 27 Mitglieder der EU zwingen, „auf ihrer Linie“ zu handeln. Ich werde diese Problematik im abschließenden Abschnitt zu Teil 2 aufnehmen.

3. Mit der Autorität von Adorno und von Plessner äußere ich mich über die deutsche Neigung zu Extremen so: Ich erfahre reale Ausgrenzung und höre parallel die Rhetorik verordneter Fremdeneuphorie. Was soll ich glauben? Wer bin ich als Fremder? Welche Identität verbindet mich mit Deutschland?

Wenn ich so kritisch gegenüber Deutschland bin und Adorno und Plessner folge, warum habe ich dann nach meiner Promotion in Frankfurt im Februar 1971 Deutschland nicht verlassen? Ich hing sehr an Deutschland, aber von 1979 bis 2010 war ich im Rahmen von Lehre und Forschung mehr im Ausland als in Deutschland. Bis auf wenige Ausnahmen habe ich beinahe die gesamte Welt bereist. Weil mehrsprachig in Wort und Schrift, hätte ich in einem globalen Netzwerk die Möglichkeit gehabt, in anderen Ländern einer akademischen Karriere nachzugehen. Dies gilt vor allem für die USA, wo ich die erwartete akademische Anerkennung auf Basis der Veröffentlichung von elf wissenschaftlichen Monographien in englischer Sprache neben zahlreichen Aufsätzen in US-Fachzeitschriften erhielt. In Deutschland blieb mir dies versagt. Ich erhielt Rufe von anderen europäischen Ländern (u.a. Norwegen, Niederlande) und war stark umworben; doch blieb ich in Deutschland. Ist dieses Land mein Qismet, also mein Schicksal? Warum bin ich nicht weggegangen, nachdem mir deutsche Anerkennung und Eintritt in die deutsche Professorenschaft verschlossen blieb? Zur Antwort gehört die Identitätsfrage. Das Leben in vielen Ländern mit all den unterschiedlichen Kulturen zwingt einen, diese Identitätsfrage zu stellen: Wer bin ich? Diese Frage kann auch eine heftige Krise herbeiführen und dies ist der Fall in meinem Leben gewesen, als ich 2012-14 seelisch schwer erkrankte.

Hat sich Deutschland durch seine „Willkommenskultur“ als Mantra so radikal verändert, dass die von mir lebensgeschichtlich erfahrene Ausgrenzung, unter der ich bis zur Erkrankung litt, nicht mehr gibt? Heute wird in Deutschland die „Willkommenskultur“ nichts anderes als ein Mantra; so wird sie gepredigt. Wie ich unten im Abschnitt „Wie ich als Syrer die Willkommenskultur der Deutschen 50 Jahre lang erlebte“, der in Teil 2 enthalten ist, ausführen werde, habe ich in meinem Leben an der deutschen Universität genau das Gegenteil zu dem erfahren, was Gesinnungsethiker predigen, also eine Kultur der Ausgrenzung, die mich krank machte. Dies war der Grund, warum ich in den Jahren zwischen 1982 und 2010 so oft als möglich die Flucht ins akademische Ausland suchte – nur weg von Deutschland. Meine akademische Laufbahn fand in den USA statt, nicht in Deutschland, und meine Forschung betrieb ich im Nahen Osten, in Westafrika und in Südostasien. Im 2. Teil werde ich die Entscheidung, in Deutschland zu bleiben, als einen der größten Fehler meines Lebens eingestehen.

An Göttingen band mich meine über alles geliebte deutsche Familie und die deutsche Community des Lehrstuhls für Internationale Beziehungen, der mir die Infrastruktur bot, die ich für meine internationale Forschung benötigte. Hierfür habe ich mich immer auch in den Acknowledgements zu meinen US-Büchern herzlich bedankt.

Nach Adorno möchte ich nun auf Plessner zurückgreifen, um seine Begriffe an dem, was ich in Deutschland am eigenen Leibe erlebt habe, zu illustrieren. Der große Göttinger Philosoph und Soziologe Hellmuth Plessner kannte meine jüdischen Frankfurter Lehrer; auch er entfloh der NS-Diktatur 1933 und wie sie kehrte auch er nach der Befreiung vom Nationalsozialismus zurück. In seinem Buch „Diesseits der Utopie“ trägt Plessner die Klage vor: „Wir Deutsche verstünden in Dingen des öffentlichen Lebens kein rechtes Maß zu finden und verfielen immer wieder dem Zauber extremer Staatsvergottung oder Staatsverneinung.“ Plessner spricht wortwörtlich vom deutschen „Extremismus“; dieser hänge auch „mit der immer wieder gestörten Konsolidierung unserer nationalstaatlichen Existenz zusammen“ und weiter: den Deutschen sei das, was den europäischen Nachbarn geglückt ist, nicht gelungen, nämlich „in einer politischen Konzeption zur Ruhe zu gelangen.“

Auch Adorno schrieb ähnliches. Bis heute 2016 sind die Deutschen trotz Verwestlichung nicht zur Ruhe gelangt und sie sind nicht von den „Eigentümlichkeiten“ (G. Lukács) ihrer „Sonderwege“ weggekommen. Auch die Merkel-Regierung dokumentiert in ihrer ohne Augenmaß, ohne sachbezogene Leidenschaft und ohne Verantwortungsgefühl (Max Weber) betriebenen Politik diese verwerfliche Tradition mehr als deutlich, mehr als jede andere Regierung im Post-Nazi-Deutschland. Man denke daran, dass Merkel keine West-, sondern eine Ostsozialisation sowjetischen Musters in der DDR hatte. Das gesamt deutsche Willkommensmantra ist nichts anderes als ein deutscher Sonderweg im Pendeln zwischen den Extremen, die als Bedrohung für Europa einzuordnen ist. Ich muss noch dies hinzufügen: Ich sehe in der Politik der in der DDR sozialisierten Bundeskanzlerin Merkel eher eine Veröstlichung der politischen Kultur als Verlust der Erfolge der Verwestlichung in der frühen Bundesrepublik Deutschland.

Dieses deutsche Pendeln zwischen den Extremen hält also bis heute an und gilt auch für alle anderen Lebensbereiche der Deutschen. Das ist kein Vorurteil, sondern Lebenserfahrung von mehr als einem halben Jahrhundert als Fremder unter den Deutschen. Ich kann nur das Urteil von Helmuth Plessner bestätigen. Das Pendeln zwischen der alten Ausgrenzung der Fremden und der neuen unechten Zuneigung, einer verordneten Fremdenliebe, genannt „Willkommenskultur“, ist nichts anderes als eine Fortsetzung der alten deutschen Krankheit; ich habe unter dieser Krankheit in meinem deutschen Alltag gelitten. Hellmuth Plessner stellt in großartiger Weise fest, dass „die Ruhe, die den anderen europäischen Industriestaaten geglückt war“ den Deutschen, also uns „versagt blieb“. Warum ist ein solch neurotisches Land mein Qismet? Und warum schreibe ich eine solche Skizze über mein Leben in Deutschland in deutscher Sprache? Es ist ein Leben eines Syrers aus Damaskus im Lande der Extreme, jedoch mit der schönsten Sprache der Welt, der Sprache von Kant, Hegel, Goethe, auch von großen jüdischen Denkern wie Adorno, Horkheimer und Bloch. Meine Muttersprache ist arabisch und ich beherrsche in Wort und Schrift drei weitere europäische Sprachen, aber Deutsch steht als Sprache ganz oben in meinen Prioritäten.

Ich bin Anhänger des Philosophen Ibn Rushid/Averroes, der den islamischen Rationalismus schon vor Descartes begründete. Durch Bildung in der Frankfurter Schule, als Schüler von zwei großen jüdischen, Auschwitz überlebenden akademischen Lehrern, auch durch die Lektüre von Descartes bin ich ein Rationalist, der felsenfest gegen jedes islamische schriftgläubige religiöse Schicksal (Glaube) ist. Doch im Alter werde ich anfällig für den Reiz des Nachdenkens in Schicksalskategorien. Qismet bedeutet im Islam Schicksal, eine Art von Prädestination. Ich wiederhole: Als Damaszener war Deutschland nie mein Traum. Ich wollte lieber in den USA studieren und dann habe ich nicht nur in Deutschland studiert, sondern wurde auch deutscher Professor. Ein tiefer Schmerz ist meinem Herzen eingebrannt, dass ich als ein Fremder trotz weltweiter wissenschaftlicher Erfolge (mein aus 41 Bücher bestehendes Werk liegt in 16 Sprachen vor) vom „Volk der Denker und Dichter“ nicht die erwartete Anerkennung erhielt, wie ich im Abschnitt mit Adorno-Zitaten ausführte. Meine Zuneigung zu Deutschland – wie bei Adorno – ist bedingt durch die Liebe zur deutschen Sprachen, nicht zum „deutschen Volk“. Obwohl ich von deutschen Professoren nur Ausgrenzung erlitten habe, blieb dieses Land meine Wahlheimat, mein Qismet, und hier – nicht in Damaskus – werde ich meinen Lebensabend verbringen. Nochmals, dies ist mein Qismet, nicht meine Wahl. Ein Fremder kann bei ein einem Volk der „Selbstvergötzung“ (Adorno) und „Extreme“ (Plessner) nie dazu gehören.

Eine deutsche selbstgefällige „Willkommenskultur“, so wie Bundeskanzlerin Merkel sie propagiert, die nun als Politik, jedoch ohne ein Einwanderungs- und Integrationspolitikkonzept betrieben wird, ist schädlich für das gesamte Europa. Merkel will, wie sie selbst sagt, ein „freundliches Gesicht“ zeigen, um sich dann feiern zu lassen – im unausgesprochenen Kokettieren, den Friedensnobelpreis zu bekommen. Dies bedeutet nichts anderes als eine verschriebene Euphorie, quasi als Mantra. Hier möchte ich gerne Goethe zitieren: „Die Botschaft höre ich, allein mir fehlt der Glaube.“ Ich teile die schon 1990 geäußerte Sorge meines jüdischen Freundes und Mentors Reinhard Bendix, dass ein neu erstarkendes Deutschland Europa wieder ins Unheil führt. Die Ex-DDR-Referentin für „Agitation und Propaganda“ führt uns als Bundeskanzlerin vor, was Deutschland anrichtet, wenn es den restlichen 27 Mitgliedern der Europäischen Union vorschreibt, was sie zu tun haben und mit Sanktionen droht, wenn diese sich nicht dem deutschen moralischen Imperialismus fügen. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ ist für den Mut zu beglückwünschen, einen Artikel des Leitartiklers der Financial Times Christopher Caldwell veröffentlicht zu haben, in dem er Merkels Politik der Willkommenskultur der „Aggression“ gegenüber dem Rest Europas bezichtigt und als „die deutsche Anmaßung“ verurteilt (Zeit Nr. 5/ 2016). So sehen andere Europäer den neuen deutschen Sonderweg in der Flüchtlingskrise.

4. Der sachliche Anlass dieser Autobiografie

Der Stil dieses Textes mag manchen stören. Denn jene Leser, die eine reine Autobiografie erwarten, werden enttäuscht sein bei der Lektüre dieser Fassung. Ich bin gelernter Philosoph und ausgebildeter Sozialwissenschaftler mit einer Denkweise, die meine Persönlichkeit ebenso prägt wie meine Autobiografie. Mit anderen Worten: Ich verarbeite mein Leben stets mit sozialwissenschaftlichen Begriffen und umgekehrt. Dies will ich durch folgenden Hinweis veranschaulichen:

Einer meiner wissenschaftlichen US-amerikanischen Artikel, den ich in The Fletcher Forum of World Affairs (erscheint bei Tafts-University) veröffentlich habe, trägt folgenden Titel: „A Migration Story. From Muslim Immigrants to European Citizens Of The Heart“. Der Artikel ist dort 2007 erschienen. Wer lesen und verstehen kann (viele deutsche Meinungsmacher, die den Mund voll über Immigration der Muslime nehmen, scheinen diese Tugenden des Lesens und Verstehens nicht zu kennen), begreift, dass die zitierte Überschrift das Thema der Integration von Muslimen als Citizens ankündigt. Diese Aufgabe lässt sich nicht so simpel wie die deutsche Bundeskanzlerin denkt „Wir schaffen das“ (Frau Merkel: Was schaffen Sie?) in den Griff bekommen. Ich weiß wovon ich rede, weil ich 54 Jahre in Deutschland als Migrant gelebt habe, ohne dass diese Gesellschaft mir als einem Fremden eine Bürgeridentität eines Gleichberechtigten geben konnte oder meine Kritik ernst nimmt. Dies ist nur eine Feststellung, die ein Beispiel für eine gescheiterte Integration bringt. Ich habe dies wissenschaftlich in meinem Buch „Islamische Zuwanderung. Die gescheiterte Integration“ näher begründet und bin in Deutschland deshalb zum Schweigen verurteilt worden. Die von Klaus Bade bis zu seinem Ausscheiden aus dem öffentlichen Leben angeführte deutsche Migrationsforschung behauptet genau das Gegenteil von den von mir empirisch festgestellten Resultaten im o.a. Buch. Ich verstehe etwas anderes als Bade unter Integration. Meine Antwort lautet: ich als muslimischer Migrant lasse keinen Vormund zu, der über mein Leben, sowie über das Leben der Muslime in Deutschland urteilt. Ich bin, obwohl und Muslim und autonomes Subjekt (also kein Mitglied eines religiösen Umma-Kollektivs) voll mündig.

Ich gehe von meiner eigenen Lebensgeschichte, die exemplarisch für andere steht, aus, wenn ich vom „Scheitern der Integration“ spreche. Ich werde in diesem Jahr 2016 das 72. Lebensjahr vollenden. 54 Jahre zuvor, im Jahre 1962, kam ich aus Damaskus nach Deutschland. Obwohl ich, wie bereits angekündigt, in der vorliegenden autobiografischen Skizze meine Kindheit und Jugend in Damaskus (1944-62) ausklammere, werde ich doch hier und dort en passant darauf eingehen. Das zentrale Thema bleibt jedoch mein Leben als Migrant, der aus der Welt des Islam Zuflucht in der europäischen Fremde/ Ghurba gefunden hat. Früher kamen jährlich viele Tausende muslimische Migranten vorwiegend aus der Türkei nach Deutschland. Im Jahre 2015 stieg die Zahl der illegalen Migranten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak allein in einem Jahr bis auf ca. 1,5 Millionen. Der zu erwartende Familienzuzug wird diese Zahl vervielfachen und in wenigen Jahren wird sich die islamische Gemeinde in Deutschland mehr als verdoppeln: von zur Zeit 6 Millionen auf 12-15 Millionen. Ist Deutschland auf die Integration dieser vielen Migranten vorbereitet? Dazu schreibt Jan Fleischhauer in „Der Spiegel“: „Wenn der Zuzug in diesem Tempo anhält, wird sich die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime in absehbarer Zeit verdoppeln.“ Darauf folgt sein bissiger Kommentar: „Das ist eine Entwicklung, die oft Prognosen in den Schatten stellt, mit denen Thilo Sarrazin sein Publikum zum Gruseln brachte.“ Eben zum Gruseln bringt die Vorstellung eines islamisierten Europa der Parallelgesellschaften. Das ist eine wissenschaftliche Prognose, die ich in einem Projekt an der Elite-Universität Cornell formuliert habe, und die Cambridge University Press 2006 als Monografie veröffentlicht hat. Ich komme unten nochmals hierauf zurück.

Ich möchte hier auf den Unterschied zwischen Meinungen und Fakten hinweisen. Es ist ein Fakt und keine Meinung, dass der Ursprung des Begriffes Islamisierung nicht Pegida, sondern orthodoxer Islam und Islamismus ist. Die Idee der Islamisierung der Welt (einschließlich Europas) unter der Herrschaft von Dar al-Islam/Haus des Islam gehört zum religiösen Glauben des Islam. Die Verdoppelung der islamischen Gemeinde aktualisiert diese Problematik. Es stellt sich also die Frage, ob Frau Merkel und ihre Gutmensch-Anhänger es schaffen, diese neuen Muslime zu europäischen Bürgern zu machen oder ob diese neuen Migranten Europa durch Islamisierung selbst verändern werden. In meiner oben zitierten, an der Cornell University in den USA im Rahmen des Projektes „Religion in Expanding Europe“ entstandenen Studie habe ich für das anstehende Dilemma die Formel geprägt: „Islamization of Europe or Europeanization of Islam“. Nochmals: hier geht es um ein Forschungspapier, das in dem Buch der Cambridge University Press „Religion in Expanding Europe“ 2006 veröffentlicht worden ist. Herausgeber ist Prof. Peter Katzenstein. Jede Propaganda-Polemik, die unterstellt, die Formel „Islamisierung“ sei islamfeindlich, lasse ich nicht zu. Die deutschen Gutmenschen bieten Islamisten und Salafisten Camouflage, wenn sie sie von dem Verdacht der Islamisierung freisprechen.

Kurzum: die Islamisierung Europas ist ein im Ursprung deskriptiver Begriff, der das Telos des islamischen Glaubens an einen Frieden in der Welt im globalen Dar al-Islam wiedergibt; er ist weder ein Slogan von Pegida noch eine Polemik von Sarrazin, wenn er befürchtet „Deutschland schafft sich ab“. Nicht nur Islamisten, auch einfache schriftgläubige Muslime befolgen die Da’wa-Doktrin für die Verbreitung des Islam durch Missionierung. Die Islamisierung Europas wird erfolgen – so glauben viele Muslime -, wenn sie in der Mehrheit sind. Das ist keine Meinung, sondern die Wiedergabe eines religiösen Glaubens. Ich erläutere hier diese Zusammenhänge und möchte mein Leben als syrischer Migrant in Deutschland als Stoff zu einer sachlichen Beantwortung dieser Problematik „Welcher Islam für Europa?“ heranziehen. Es ist jedenfalls ein Fakt, dass es in der EU ebenso wie in Deutschland keinen „europäischen Islam“ gibt. Dies ist nur eine Vision, die von organisierten Islam-Verbänden verhindert wird, mit denen fast alle europäischen Regierungen naiv zusammenarbeiten. Ich trete nicht gegen den Islam an, sondern bin für einen europäischen Islam und habe bisher von keiner Bundesregierung Rückhalt bekommen. Ganz im Gegenteil: ich bin von der Islam-Konferenz der Bundesregierung ausgeschlossen worden.

72 Jahre alt und heimatlos, selbst ohne Furcht vor dem syrisch-alawitischen kleinen Hitler namens Baschar al-Assad, lasse ich mich auch nicht von den deutschen Meinungsdiktatoren dadurch einschüchtern, dass sie mich an den rechten Rand verlegen. Ich bin kein Rechter und den Leuten gegenüber, die das nicht verstehen wollen, weigere ich mich zu wiederholen; mit einem einzigen Wort: „Period“ (bedeutet hier ungefähr Schluss), wie man das in den USA zu Leuten sagt, die weder zuhören noch verstehen. Deshalb spreche ich offen als aufgeklärter Muslim und Schüler der jüdischen Philosophen Adorno und Horkheimer von der Gefahr einer aggressiven islamischen Missionierung für das säkulare Europa als Kontinent der individuellen Freiheit. Eines meiner Bücher aus dem Jahr 2007 trägt den Titel: „Die Islamische Herausforderung“. Diese Beobachtung ist ein Fakt, den die Ideologen der Willkommenskultur und Fremdeneuphorie nicht verstehen, ja auch nicht verstehen wollen; sie zücken schnell das Wort „Islamophobie“ als Kampfbegriff gegen Kritiker. (In einem zusammen mit Thorsten Hasche geschriebenen Kapitel für das Buch „Freedom of Speech and Islam“ – vgl. meine Homepage – entlarve ich den islamischen Ruf nach Respekt als Einschränkung der freedom of speech.)

Die oben gemachten Ausführungen bilden den sachlichen Anlass für diese autobiografische Skizze. Ich bin in Damaskus im Jahre 1944 als Sohn der berühmten Kadi und Mufti/Aschraf (Notabeln) – Familie geboren und wurde bereits als Kind am Koran-Text sozialisiert, den ich auswendig lernte, um den Titel Hafiz zu erlangen. Doch wie oben angekündigt, beginnt diese Skizze mit einem anderen Datum, nämlich dem 26. Oktober 1962, den Tag, an dem ich Damaskus mit einer Air France-Maschine nach Paris verließ, um von dort nach Frankfurt zu kommen. Fast der gesamte Tibi-Clan war an jenem Tag zum Abschied am Flughafen. Meine Familie war damals so einflussreich, dass ca. 200 Familienmitglieder mich über die Sicherheitskontrollen hinaus bis zum Flugzeug begleiteten durften. Doch bevor ich beginne, möchte ich den Rahmen dieser Lebensgeschichte, nämlich mein Verhältnis zu Deutschland und zu seiner ethnischen Bevölkerung, d.h. zu dem, was man deutsches Volk nennt, erläutern. Zu diesem Volk gehören auch die gesinnungsethischen Selbsthasser, die das Pendeln der Deutschen zwischen den Extremen mitverantworten. Das ist der deutsche Sonderweg. Seit 2015 heißt der anstehende deutsche Sonderweg: Öffnung der Grenzen ohne Kontrolle für illegale von kriminellen Schleuserbanden beförderte Migranten aus der Welt des Islam. Das deutsche Mantra hierfür hat den Namen „Willkommenskultur“. Mein Leben als Migrant straft diese Parole der Euphorie Lügen, es stehen Fakten gegen Rhetorik, die ich in einem folgenden Abschnitt anführen werde. Diese naturwüchsige und von ideologischen Verblendungen begleitete illegale Migration sowie die Unfähigkeit der Deutschen damit umzugehen, sind die Gründe, die den sachlichen Anlass zu dieser Autobiografie gegeben haben.

5. „Breaking“ deutsche Tabus durch Enttabuisierung der Fragen: Wer sind die Deutschen? Was bedeutet der deutsche Pass? Does Identitiy matter? Und last but not least: Ist die Islamkritik eine Islamophobie oder Aufklärung?

Die erste Fassung der vorliegenden autobiografischen Skizze von 2014 entstand parallel zu einer heftigen Identitätskrise, die mit den obigen Fragen korrespondiert und in einer seelischen Erkrankung mündete. Auf diese Identitätskrise im Hintergrund folgten zwischen 2013 und 2016 mehrere Fassungen. Die erste hiervon abgeschlossene Fassung, die ich mit Hilfe meiner deutschen Frau Ursula sowie meiner teuren deutschen Freunde Dr. Thorsten Hasche und Dr. Roland Hiemann 2014, die beide bei mir promovierten, anfertigte, habe ich anlässlich meines 70. Geburtstages auf meiner Website gepostet. Diese neue 2016-Fassung ist mithilfe von Tom Pflicke entstanden; sie ersetzt jene von 2014 aus Gründen, die ich erläutern werde. Zuvor möchte ich vom folgenden sehr unangenehmen Erlebnis 1998 zur Thematik dieses Abschnittes berichten:

Es geschah im Jahre 1998. Damals war es eine große Ehre für mich, dass der Bertelsmann-Verlag mich als Autor aufnahm und mein erstes und einziges Buch unter meinen 41 Büchern veröffentlichte, das sich weder mit Islam noch mit Islamismus oder Politik in Nahost befasste. Es war das Buch „Europa ohne Identität. Die Krise der multikulturellen Gesellschaft“. Das Buch ist die Herkunft neuer Begriffsbildungen wie „Leitkultur“ und „Parallelgesellschaft“; es gelangte zu Ruhm im Jahr 2000, als damals die neurotisch durchgeführte Leitkultur-Debatte vom Herbst jenes Jahres dazu führte, dass der Siedler-Verlag drei große verkaufte Taschenbuch-Auflagen von diesem Buch mit dem neuen Untertitel „Leitkultur oder Wertebeliebigkeit“ veröffentlichte.

Nun zum „unangenehmen Erlebnis“ als meine Story: Zur Buchvorstellung lud damals 1998 der Bertelsmann-Verlag führende Journalisten ein. Es war in höchstem Maße unangenehm, die Gesinnungsethik mancher von ihnen zu ertragen. Warum? Seit 1980, als ich mein erstes englischsprachiges bei Macmillan erschienenes Buch in London veröffentlichte: „Arab Nationalism. A critical Enquiry“, bin ich durch Vorträge an den Universitäten Oxford, London und Durham mit der höflichen britischen Art des Debattierens vertraut, die ich schätze. Briten diskutieren auf der Basis „We agree to disagree“. In Oxford gibt es sogar Kurse, bei denen Studenten „Debating Culture“ lernen. Das ist in Deutschland fremd. Denn in München verlief es anders als in U.K. Es begann mit der rechthaberischen Holzhammermethode, die ich auch von deutschen Wissenschaftlern zur Genüge kenne. Diese reicht bis zu persönlichen Verletzungen (Injurien). Einer der eingeladenen Journalisten zu der Bertelsmann-Buchvorstellung von 1998 hieß Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung. Heute ist er der Top-Ideologe der Willkommenskultur. Damals 1998, begann er prompt, auf den Buchtitel anspielend, mich aggressiv zu belehren, „europäische Identität“ gebe es nicht. Ein Journalist belehrt einen Fremden, der zum deutschen Professor aufgestiegen ist durch eine deutsche Dissertation und ebenso deutsche Habilitation. Als Wissenschaftlicher bin ich über die historischen Fakten informiert; für die Behauptung des Journalisten, dass es gar keine deutsch-europäische Identität gäbe, lässt sich kein Beweis anführen. Was übrig bleibt, ist nur eine billige Polemik. Der Journalist konnte sich nicht bändigen mit seinen Belustigungen über Buch und Autor. Ich bevorzugte es damals zu schweigen. Ich wusste doch, im Recht zu sein, weil ich mich auf Standardforschung über die europäische Zivilisation und ihre Identität stützte: Norbert Elias, Will Durant, Ferdinand Braudel, Lesley Lipson, J.M. Roberts (und andere große Historiker aus dem englischen und französischen Sprachraum). Wie oft musste ich als Fremder in meinem solche rechthaberischen Deutschen ertragen! Gegen das „Pathos des Absoluten“ und die „deutsche Selbstvergötzung“ (Adorno) lässt sich kein rationales Argument anführen.

Ich habe immer das Fehlen eines zivilisierten „Debating Culture“ in Deutschland beanstandet. Die Münchner Buch-Präsentation war ein Beispiel hierfür. Wenige Jahre nach der Buchvorstellung in München begegnete ich jenem SZ-Journalisten in der LH-Lounge des Bonn-Köln-Flughafens; seine Begrüßung war „Was macht ihre Coca-Cola-Light-Kultur?“ Ich bin Damaszener Aschraf-Aristokrat und solcher Begegnungsstil ist nicht mein Niveau. Ich antwortete nicht auf diese Anpöbelung und lief weg. Ich bitte um Anerkennung kultureller Eigenarten: Wir Orientalen sprechen in solchen Situationen aus Hikma/ Weisheit nicht, aber wir laufen weg, drehen uns dabei um und spucken als Zeichen der Geringschätzung, nicht als Beleidigung. Warum erzähle ich diese Geschichte hier im Kontext von Identität und Leitkultur? Ich tue dies aus folgenden Gründen:

Jedes Integrationskonzept integriert in eine Identität. Diese Erkenntnis scheint in Deutschland mit seinen Sonderwegen nicht zu gelten. Der Bericht über die Aufnahme meines Buches „Europa ohne Identität“ dient der Illustration, wie neurotisch die Deutschen mit der Frage der Identität in ihrem Leben umgehen. Wie will Frau Merkel unter diesen Umständen Millionen von neuen muslimischen Migranten, ohne ihnen eine Bürgeridentität zu bieten, integrieren? Die Regierung Merkels gibt die Kosten der Unterhaltung der Flüchtlingslager für die Unterbringung der Flüchtlinge (2015 betrugen sie 21 Milliarden) als Integrationskosten an. Dies veranschaulicht der Geist von Merkel auf beängstigende Weise! Ich kommentiere: Die Deutschen können die Frage der Identität bei der Integration nicht ausklammern oder verdrängen. Tun sie dies, dann wird das Deutschland des 21. Jahrhunderts ein Land der Parallelgesellschaften mit je eigener Identität werden! Dann hat Sarrazin Recht mit seiner Formel „Deutschland schafft sich ab“, die er um die Formel „Europa schafft sich ab“ erweiterte.

Nun zu den Gründen der Neufassung: viele Visitors meiner Website empfanden jenen Text von 2014 als sehr traurig, ja sogar deprimierend. Dies war jene Fassung auch in der Tat, weil ich mich damals zu meinem 70. Geburtstag in einer heftigen Identitätskrise befand. Meine Probleme waren nicht allein persönlich, sondern hingen mit meinem Leben in Deutschland zusammen. Diese Probleme korrespondierten mit den Fragen: Wer bin ich? Und: Wer sind die Deutschen? Welche Beziehung haben wir zueinander? Mit diesen Fragen behaupte ich: Yes, identity matters. Mein Buch „Europa ohne Identität“ bietet die Grundlage zur Untermauerung dieser Antwort. Ein Land ohne Kritik und ohne „debating culture“, wie Deutschland es ist, hat keinen Sinn für solche Beiträge; und so wurde mein Buch begraben.

Noch einmal: Meine persönliche Identitätskrise hing auch damit zusammen, wie die Deutschen generell sich selbst wahrnehmen und wie sie auf dieser Basis mit einem hohen Grad an Inkonsistenz in einem „deutschen kollektiven Narzissmus“ (Adorno) mit uns Menschen mit Migrationshintergrund umgehen. Die Frage, ob Deutschland diesen Menschen Identität der Zugehörigkeit zu einem Gemeinwesen bietet, ist zentral. Die deutsche Diskussion über diese Frage ist eine Debatte der Deutschen über sich selbst, nicht mit uns Fremden. Die Folge ist dies: Bei einer negativen Antwort auf diese Frage bleiben wir Fremde unter einem Volk, das viele unlösbare Probleme mit sich selbst trägt. Deshalb sind „die Deutschen“ für uns Fremde als ein Volk sehr schwer zu verstehen. Dies werde ich näher begründen und weise jeden deutschen Vorwurf des „Lamentierens“ zurück. Dieser Vorwurf kam u.a. von einem Historiker, also keinem Sozialwissenschaftler, namens Prof. Bade aus Osnabrück, der jahrelang die Förderungspolitik als „Vorsitzender des Rates deutscher Stiftungen für Integration und Migration“ leitete. Die deutschen Stiftungen ließen ihn mit ihren Millionen die deutschen Integrations- und Migrationsforschung steuern. In einem FAZ-Artikel wurde er als „Politbüro der Migrationsforschung“ bezeichnet, weil er persönlich im oben angegebenen Rat die Macht hatte, zu bestimmen, wer gefördert wird und wer nicht. Mich jedoch langweilen sowohl solche Forschungen als auch deren weltanschauliche Grundlagen, weshalb ich als sozialwissenschaftlicher Integrationsforscher stets auf Distanz zu jener sogenannten Forschung ging. Offen gesagt, und ich habe nichts zu verlieren, ich halte überhaupt nichts hiervon und lehne die politisch motivierten falschen Aussagen ab, die die wahren Probleme der Migration schlicht eskamotieren. Es ist grotesk, wenn ein Deutscher einen ausländischen Wissenschaftler mit Migrationshintergrund, weil dieser den „deutschen Wahrheiten“ widerspricht, als Lamentierer abstempelt. Ich kann solche Vorwürfe nicht mehr hören und ich bin mir zu schade, mich mit solchen Leuten auseinanderzusetzen. Ich führe dies hier nur als Beispiel dafür an, wie die Mächtigen mit meiner Kritik an Deutschland umgehen. Adorno verehrt die deutsche Kultur in seinem Aufsatz „Was ist Deutsch?“, und versteht „Kritik“ als Aufklärung. Kritik ist weder „Terror“ noch „Panikmacherei“ so wie dies in Buchtiteln deutscher Wissenschaftler und Journalisten anklingt, die Macht, aber keine stringenten Argumente haben.

In dem hier als ideologisch präokkupierten Kreis wird mein Buch von 1998 mit folgender Frage „Europa ohne Identität?`“ totgeschwiegen. Wissenschaft lebt von „Debating“, vom Widerspruch sowie von offenen Fragen und Kritik, und sie geht unter, wenn Macht und Verschweigen die Oberhand gewinnen, um Andersdenkende mundtot zu machen. Deshalb werfe ich nochmal die Frage nach Identität auf, die heute gleichermaßen vom konservativen Prof. Bade und seinen links-grünen Ideologen wie Danie Cohn-Bendit, ignoriert wird.

Der grüne Ideologe Daniel Cohn-Bendit tabuisiert. Die heutigen Linken lassen sich politisch leiten von diesem Satz: „Es gibt keine deutsche Identität.“ Dieser Satz von Daniel Cohn-Bendit stand als Überschrift eines damals in der linken Zeitung „Die Woche“ veröffentlichen Streitgesprächs (vom 10.11.2000), das vor 16 Jahren in Frankfurt zwischen Cohn-Bendit, auch der „rote Dani“ genannt, und mir stattfand. Bis heute gilt es jedoch, dass jeder, der der Aussage von Cohn-Bendit gemäß der zitierten Überschrift widerspricht, riskiert, gleich als Rechter diffamiert zu werden. Wer von deutscher Identität redet, gilt als populistisch, ja sogar als rechtsradikal. Ich bin als Frankfurter 68er kein Rechter. Cohn-Bendit arbeitete damals als Kindergärtner an der Uni-Kita, in die mein in Frankfurt geborener Sohn Fabian-Fuad ging. Der Anlass des mit dem „roten Dani“ zitierten Streitgesprächs war damals die deutsche Debatte über den von mir sprachlich und inhaltlich eingeführten Begriff „Leitkultur“. Die linken Meinungsmacher, zu denen Cohn-Bendit gehörte, haben das Konzept von Leitkultur als Integrationskonzept als „rechts“ niedergetrampelt. Heute wird jedoch sehr heuchlerisch, unter anderem von den Grünen, der Begriff „Leitkultur“ wieder positiv ins Leben gerufen, allerdings mit einem anderen Inhalt als jenen, den ich in meinem Buch „Europa ohne Identität?“ von 1998 geprägt habe. Dieses Buch ist der Ursprung des Konzepts von der Leitkultur als Alternative zu den Parallelgesellschaften islamischer Migranten (Kap. 5 und 6). Das Buch ist der Ort meines Nachdenkens über die Identität Deutschlands und Europas in Zeiten der globalen Migration. Heute, 18 Jahre nach der Erstveröffentlichung stehe ich hinter jedem Wort des Buches und behaupte eine Aktualität, als wäre dieses Buch gestern geschrieben worden.

Es gibt jedoch eine positive Rehabilitierung des Begriffes Leitkultur. 2015 hatte die Tageszeitung der Stadt, an deren Universität ich 37 Jahre lang lehrte, das Göttinger Tageblatt, den Artikel veröffentlicht: „Brauchen wir eine neue Leitkultur?“ Darin schreibt der Autor Reinhard Urschel richtig, mein Buch „Europa ohne Identität?“ zitierend, diese Interpretation: „Tibi wollte, dass Deutschland seinen Migranten nicht nur einen Pass, sondern auch eine Identität bietet. Um Klarheit über diese Identität zu schaffen, brauche es eine Diskussion und einen Konsens über die Leitkultur.“ Sowohl die Diskussion als auch der Konsens fehlen und zwar bis heute. Nach 54 Jahren unter den Deutschen bezeuge ich, dass Deutschland mir keine Identität gegeben hat. Ich bin Ausländer mit deutschem Pass geblieben. Ohne eine solche Identität kann das Fremdsein in einem Land nicht enden. Nun scheinen die Deutschen selbst keine Identität haben zu dürfen. Französische Citoyens können stolz auf Frankreich sein, sie sagen sogar „Vive la France“, ohne als rechtsradikal verdächtigt zu werden. Und wie der „rote Dani“ es einmal im obigen Zitat sagte: „Es gibt keine deutsche Identität.“ Wenn dies zutrifft, dann kann Deutschland den Fremden keine inklusive Identität bieten. Daraus folgt, das Migranten aus der islamischen Welt ihre eigene oft anti-europäische Identität und damit grünes Licht für Parallelgesellschaften bekommen.

In einem weiteren Buch, das ich vier Jahre nach „Europa ohne Identität“ veröffentlicht habe, nämlich „Islamische Zuwanderung. Die gescheiterte Integration“ von 2002 habe ich in dem Abschlusskapitel, in dem ich die deutsche Leitkulturdebatte von 2000 bewerte, die Deutschen als eine „neurotische Nation“ bezeichnet. In jenem Kapitel bewerte ich diese Debatte von 2000, die auf einem ausgesprochen primitiven Niveau stattfand. Nur ein Beispiel hierfür ist ein Artikel im Spiegel mit der Überschrift „Operation Sauerbraten“ (Heft 47/2000). Eine Diskussion über Werte und Identität ist nicht mit deutschem Sauerbraten gleichzusetzen. Trotz meiner Verwendung des Begriffes „primitiv“ hat der Spiegel damals zugestimmt, prominent und mit Bild einen Leserbrief von mir unter dem Titel „Tollhaus Deutschland“ zu veröffentlichen. Dies schrieb ich bereits einleitend zu dieser Autobiografie. Auch in der Zeitung „Welt am Sonntag“ habe ich am 3.12.2000 den Artikel „Die neurotische Nation“ veröffentlicht. Sowohl in diesem Artikel als auch in dem eben zitierten Buchkapitel aus „Islamische Zuwanderung. Die gescheiterte Integration“ argumentiere ich, dass jede normale Nation Identität und Leitkultur hat. Wenn die Deutschen sich beides – Identität und Leitkultur – versagen, ist das für mich als Kenner Deutschlands nur einer der deutschen Sonderwege, die nicht nur Deutschland, sondern auch die Welt ins Unheil stürzen. Merkels moralischer Imperialismus in der Flüchtlingsfrage ist nichts anderes als einer dieser Sonderwege, von denen die Deutschen sich erst befreien müßten ehe sie fähig werden, ein „rechtes Maß zu finden“ (Plessner). Nur auf diese Weise können sie sich in die Lage versetzten, die Fremden zu deutschen Bürgern werden zu lassen. Mit uns Fremden können die Deutschen angemessen umgehen, wenn sie „normal“ werden und ohne deutsche Sonderwege zu Europa gehören. Mit Deutschen, die dem „Pathos des Absoluten“ verfallen sind, eine „Selbstvergötzung“ im Stil des „deutschen kollektiven Narzissmus“ betreiben, können wir Fremde nicht normal reden. Die in Zitatzeichen gesetzten Worte habe ich dem Aufsatz „Auf die Frage: Was ist deutsch?“ meines jüdischen Lehrers Adorno entnommen.

Ich möchte klarstellen, dass meine Kritik an den deutschen Neurosen eher aus Zuneigung als Ablehnung erfolgt, weil viele „anständige Deutsche“ zum positiven menschlichen Umfeld meines Lebens gehören. An der Spitze dieser Liste steht meine deutsche Frau Ursula neben einer langen Liste von deutschen Freunden, die mir immer, auch in meinen Krisen, zur Seite standen. Ich muss leider hinzufügen, dass sich auf dieser Liste kein einziger deutscher Professor befindet. Zum leidigen Thema „deutsche Professorenschaft“ als ethnisch-exklusive Community werde ich mich später im zweiten Teil in einem eigenen Abschnitt über die fünf unvergesslichen Horrorerfahrungen mit den Deutschen äußern. Vor Beginn der deutschen, von mir als verordnete Fremdenliebe empfundenen Willkommenskultur von 2015 habe ich Deutschland als Land der ethnisch-kulturellen Exklusion erlebt. Niemand kann mir verbieten, über dieses Gefühl zu sprechen. Und auf diejenigen, die mit folgenden Worten auf dieses Gefühl reagieren „Wenn es Dir nicht passt, dann geh doch.“ antworte ich wie mein verstorbener jüdischer Mitstreiter Ralph Giordano, der das Dritte Reich und die NS-Verbrechen in einem Hamburger Versteck überlebte. In einem erinnerungswürdigen Gespräch mit Giordano in Hannover sagte er zu mir: „Trotz allem, Deutschland ist unsere Heimat, wir haben keine andere.“ Als Muslim füge ich zu meiner Zustimmung zu Giordano den Satz hinzu: „Deutschland ist mein Qismet“. En passant sei angemerkt: Giordano ist einer der beiden deutschen Juden (der andere ist Broder), die von der beanstandeten deutschen Zensur als „Islamfeind“ und „Panikmacher“ verfemt werden.

Ich habe 2015 diese autobiografische Skizze anlässlich des Zustroms von ca. 1,5 Mio. vorwiegend Armuts- und Kriegsflüchtlingen neu gefasst, in der felsenfesten Überzeugung, dass die medialen Meinungsmacher uns über die Realitäten und die mit diesen verbundenen existenziellen Probleme täuschen. Auch verbieten sie eine offene Diskussion. Zu den Verboten gehört die Problematik des Zusammenhangs vom Leben in der Fremde und Identität. Wegen des Ernstes dieser Angelegenheit wiederhole ich es! Ich bin intellektuell in die Schweiz geflüchtet, um in der Wochenzeitung „Die Weltwoche“ (Heft 42/2015) meinen Artikel „Warnung vor der Tyrannei“ zu veröffentlichen, weil deutsche Meinungsmacher mich aus der deutschen Öffentlichkeit entfernt haben. In jenem in Zürich erschienen Essay berufe ich mich auf die Bibel der liberalen Freiheit „On Liberty“ von John Stuart Mill, um vor dieser Tyrannei zu warnen. Ich stelle darin den Verlust der Meinungsfreiheit in einer Kultur der Angst in Deutschland fest, die Kritik zu „Terror“, „Panikmacherei“ und „Rechtspopulismus“ degradiert. Ich wiederhole, dass der Holocaust-Überlebende Ralph Giordano – neben der Muslima Necla Kelek – zu den Opfern der Verfemungen deutscher Meinungsmacher gehört – ich auch! Man höre sich den schlechten deutschen Witz an: ein Buch mit dem Titel „Feindbild Islam“, in dem das Werk von Bassam Tibi als Beweis angeführt wird. Dieses Buch gibt es!

Meine Lebensgeschichte von 1962-2016 in Deutschland lässt sich mit der Formel „Suche nach Identität“ zusammenfassen. Ich illustriere meine Auffassung an folgender unangenehmen deutsch-syrischen Geschichte: Nach einer im höchsten Maße unangenehmen Diskussion mit dem Bundestagspräsidenten Lammert in Berlin 2006 bekundete ich in großer Erregtheit vor ihm öffentlich, dass ich die Ausgrenzung nicht mehr ertrage und Deutschland verlassen werde. Auf diesem Berliner Podium diskutierten wir damals über Leitkultur; Lammert aber behandelte mich, obwohl Schöpfer des Begriffs, wie Luft. Ich wurde anschließend in der Presse verfemt wie zuvor im Jahre 2000, als die deutsch-neurotische Leitkulturdebatte stattfand. Selbst die linksliberale Zeitung „Die Zeit“ veröffentlichte im Oktober 2006 einen bereits in der Einleitung zitierten Artikel „Schwer integrierbar“ über mich, den ich als Verfemung meiner Person als Migrant empfand. Damit sollte in unverhohlen suggestiver Weise gesagt werden, dass die Opfer der gescheiterten Integration selbst an ihrem Schicksal Schuld seien. Der Zeit-Journalist M. Spiewak fügte zur zitierten Verfemung „schwer integrierbar“ als Artikelüberschrift noch den Untertitel „Bundesverdienstkreuz, Professur und Prominenz“ hinzu mit der Implikation, dass ich, der dies erreicht hat, trotzdem undankbar bin.

Jener Zeit-Journalist fragte damals in seinem zitierten Text, was benötige ein Migrant in Deutschland, um integriert zu werden? Er gibt in seinem Text selbst die Antwort mit den Worten „Natürlicherweise deutscher Pass (sic! Vgl. das Motto oben, S. 1), guten Beruf und ausreichendes Einkommen“. Dies wären nach Spiewaks Worten „die Voraussetzungen, sich in Deutschland wohl zu fühlen“. Meine Frage ist jedoch: Und wie steht es mit der Identität? Eben weil Deutschland den Migranten keine Bürgeridentität bietet, die sie in ein Gemeinwesen integriert, ist dieses Land nicht in der Lage den in Deutschland lebenden Fremden, zu denen ich gehöre, ein „Sense of Belonging“ zu geben. Ausländer werden somit keine Mitglieder eines deutschen Gemeinwesens als Bürger. Der Pass ist nur ein Stück Papier ohne Wert, wenn er keine Identität bietet und diese Aufgaben erfüllt. Um es klarzustellen: Passdeutscher und deutscher Bürger sind nicht dasselbe. Solange deutsche Politiker (wie Merkel) und Meinungsmacher (Heribert Prantl von der SZ) dies nicht begreifen, bleiben wir Migranten fremd in diesem Land. In dem Zeit-Buch (herausgegeben von Theo Sommer) „My Idea of the Land of Ideas“ durfte ich mit dem Beitrag „Drinnen vor der Haustür“ für das Buch Deutschland als Land der Ideen kommentieren!!

Auf dem Jahrestag des evangelischen Arbeitskreises der CSU in München vom 14.11.2015 habe ich diese Problematik angesprochen und gesagt: „Ich möchte mir kein Bild davon ausmalen, was die hunderttausenden Syrer im Alter von 14-16 Jahren, die 2015 illegal nach Deutschland gekommen sind, tun werden, wenn ihre aus der kommerziellen Werbung resultierenden überhöhten wirtschaftlichen Erwartungen vom Wunderland Deutschland (Alemania) nicht erfüllt werden.“ In der HR-Sendung „Klartext“ vom November 2015 habe ich gesagt, dass ich als 72-jähriger ausgebildeter Philosoph zum Psychotherapeuten gehe, um meine Identitätsproblem im Kontext meiner Enttäuschungen von Deutschland zu verarbeiten. Diese Jungs gehen dagegen zu islamistischen Bewegungen wie etwa „Der Islamische Staat“. Oder sie rächen sich auf orientalische Weise: man erniedrigt den feindlichen Mann und also den Europäer am effektivsten, wenn man seine Frau stellvertretenden sexuell schändet. Dies geschah demonstrativ in der Silvesternacht in Köln und anderen deutschen Städten, ohne dass die Deutschen diese Rachegeste überhaupt verstünden. IS gibt jungen Muslimen in Europa eine Identität und deshalb kämpfen in Syrien nach Expertenrechnungen ca. 25.000 ausländische Kämpfer, deren Mehrheit muslimische Europäer sind. Der Westen, wie auch Deutschland, pflegt die Illusion, IS aus der Luft durch Bomben auszulöschen. Russland schließt sich an. Dies wird misslingen. Der Djihadismus ist eine Weltanschauung, die nicht per Luftwaffe entfernt werden kann, man muss ihre erziehungsbedingten sowie sozialen Ursachen angehen.

Zweimal wurde meine mehrfach geäußerte Befürchtung bestätigt: erst im Januar und dann im Dezember 2015, beide Male in Paris, hat der islamistische Djihadismus auf brutale Weise zugeschlagen und eine Realität produziert. Diese Problematik illustriert auch den Zusammenhang zwischen Migration und Sicherheit in der globalen Flüchtlingskrise. Zurecht hat der FAZ-Herausgeber B. Kohler bedauert, dass die Merkel-Regierung eine Debatte über die Verbindung von beiden Problembereichen – Migration und Sicherheitsproblemen – quasi verbietet, weil sie den Zusammenhang bestreitet. Damit verdummt die Bundesregierung die Bürger dieser Republik, denn schon das Standardwerk von 1995 „The Global Migration Crisis“ von Myron Weiner enthält das Kapitel VI gerade über den Zusammenhang „Security and International Migration“.

Dies fügt sich einem anderen Denkverbot ein, nämlich über Migration und Identität zu sprechen und sich offen damit auseinanderzusetzen, dass Deutschland den Migranten keine Identität als Rahmen für eine gelungene Integration bietet. Die Folge ist: keine Integration in ein Gemeinwesen. Das ist meine Lebensgeschichte in Deutschland. Und wie könnte das Land Fremde integrieren, wenn es – laut Daniel Cohn-Bendit (siehe oben) – überhaupt keine Identität haben darf. Wenn die Regierung im Bündnis mit den medialen Meinungsmachern bestimmt, über welche Themen in der Öffentlichkeit geredet werden darf und über welche nicht, dann stellt sich sie die Frage: Wo bleibt hier Art. 5 GG? Frau Merkel war laut Wikipedia in der DDR als FDJ-Mitglied „Referentin für Agitation und Propaganda“. Haben wir in der BRD nun DDR-Verhältnisse? Ich erkenne die alte Bundesrepublik, in die ich 1962 kam, nicht mehr in Merkels Deutschland. Ich wiederhole den Hinweis: Der Schweizer Publizist F.A. Meyer veröffentlichte im Cicero (Heft 1/2016) den Artikel „Maul halten!“, um das politischer Klima in Merkels Deutschland zu beschreiben. Warum schweigen die Deutschen? Gibt es keine Zivilcourage mehr in Deutschland gegen diesen Autoritarismus?

In Deutschland fehlt es heute völlig an einer benötigten „Debating Culture“, in der man ohne Angst oder Verfemung seine Meinung frei ausdrücken kann. Ich habe eingangs bedauert, dass Redefreiheit in Deutschland angesichts der erdrückenden Vorherrschaft eines gesinnungsehtischen Narrativs faktisch nicht mehr existiert. In meinem mehrfach zitierten in Zürich veröffentlichten Artikel „Warnung vor der Tyrannei“ (s.o.) habe ich das heutige Deutschland mit Syrien verglichen. Wenn man in Syrien von der Staatspropaganda abweicht, wandert man automatisch ins Gefängnis. Deutschland ist zwar zivilisierter, denn auch Dissidenten genießen das Recht auf körperliche Unversertheit, aber sie werden geistig verfemt und gesellschaftlich ausgegrenzt. Junge Wissenschaftler werden niemals Professoren, wenn sie sich intellektuell nicht gefügig anpassen. „Das ist nicht mein Land“, um eine Formel von Frau Merkel übernehmen. Ich erinnere die Leser an meine oben gemachten Anmerkungen über den „Rat“ von Prof. Bade, der als „Politbüro“ funktioniert, das nur Gleichgesinnte fördert. Auch wenn diese Person sich zurückgezogen hat, funktioniert diese Institution nach dem Prinzip: business as usual!

Ich weise nochmals auf den Unterschied zwischen Meinung und Fakten hin. Ich als Syrer komme aus einem stark in seinem Bildungssystem unterentwickelten Land. Aber deutsche Meinungsmacher zwingen uns zu glauben, unter den Flüchtlingen aus Syrien befänden sich vorwiegend Ärzte und Ingenieure bzw. hochgebildete Akademiker. Unter den vielen Syrern, die ich in Göttingen und Umgebung sehe, finde ich weder Ingenieure noch Ärzte, dagegen aber eine soziale Unterschicht aggressiver Jugendbanden, die nichts von Politik verstehen; auch finde ich islamistisch uniformierte „Kopftuchfrauen“ und viele Bauern, z.B. aus den südsyrischen Dörfern von Huran, die nicht verfolgt wurden. Das ist ebenso wenig mein Syrien wie Merkels Deutschland meine Bundesrepublik ist.

Mein verstorbener aus einer jüdischen Migrantenfamilie stammender US-Kollege Myron Weiner vom MIT ist Autor des Standardwerks „The Global Migration Crisis“ (1995). Kapitel sechs dieses Buches lautet „Security, Stability and international Migration“. Es enthält Fakten über die sicherheitspolitischen Gefahren internationaler Migration. Im Gegensatz zu diesen Fakten betreiben in Deutschland Gesinnungsethiker eine Euphorie, die die Fremden idealisiert und diejenigen, die über die Sicherheitsproblematik im Kontext internationale Migration reden, als Rechtspopulisten ausgrenzen. Ich schrieb als Syrer den Artikel „Mein Syrien“, der in der Schweiz (Weltwoche 49/2015) erschien. Der Artikel endet mit dem Satz: „In Syrien findet sozusagen der Hobbessche bellum omnium contra omnes – der Krieg aller gegen alle statt“, bei dem es keine Grenze zwischen Opfern und Tätern auf allen Seiten mehr gibt. Zu den die Zivilcourage herausfordernden Unternehmen gehört „Breaking Tabus“ als demokratische Enttabuisierung. Das ist die Substanz einer Debating Culture auch über Identität, Migration und Sicherheit in Europa.

Ich fasse zusammen: Wenn es Deutschland nicht gelingt, die zugewanderten muslimischen Jugendlichen in das demokratische Gemeinwesen mit einer Bürgeridentität zu integrieren, werden diese in den Sumpf des djihadistischen Islamismus oder in die Kriminalität gezogen. Und wenn die Bundesregierung weiter verbietet, über den Zusammenhang von Migration und Sicherheit aufzuklären, dann werden viele Parallelgesellschaften unbemerkt als Brutstätten des Djihad-Terrors blühen, ohne dass die eigene Bevölkerung überhaupt etwas davon erfährt. Und dann hört man die alte deutsche Blase: „Davon wussten wir nichts.“

6. Von Damaskus ins kalte Deutschland: Der besondere Platz von Frankfurt in meinem Denken und meinem Leben

Ich bin ein Intellektueller und Sozialwissenschaftler, weder ein Literat noch ein Politiker (mit Ghost-Writer), weshalb ich so viele Seiten benötige, um den allgemeinen Rahmen meiner Autobiographie meines Lebens in der Diaspora als Kontext zu rekonstruieren. Diese Vorgehensweise erschien mir als nötig, weil die vorangegangenen Ausführungen das richtige Vorverständnis für diese autobiografische Skizze des Lebens eines syrischen Migranten als ein Fremder unter Deutschen bieten. Nun kann ich auf solider Grundlage zum zentralen Gegenstand kommen.

Mein Leben begann 1944 in Damaskus. 1962 kam ich als Achtzehnjähriger nach Deutschland. Mein Leben in den darauffolgenden Jahren zwischen den Kulturen hat mich zwar bereichert, aber letztlich bleibe ich ohne Anker, also heimatlos. Mag es sein, dass ein globales Leben gewinnbringend ist, aber es verarmt einen zugleich durch Entwurzelung. Die Sehnsucht nach Geborgenheit kann nur lokal, niemals global erfüllt werden. Obwohl mein Leben und meine Arbeit auf die Erforschung des Islam fokussiert waren, habe ich auf allen Kontinenten dieser Welt gelebt und seit dem Verlassen meiner Heimat Damaskus nirgendwo einen Ersatz hierfür gefunden, der mir Glück und Geborgenheit geboten hat. Damaskus ist heute eine Kriegsruine wegen der schiitisch-alawitischen Diktatur und des sunnitisch-djihadistischen Terrors. Meine Wahlheimat Deutschland ähnelt heute einem globalen Flüchtlingslager ohne Identität. Deutschland gibt weder mir noch den alten oder neuen Migranten eine Identifikation mit einem demokratischen Gemeinwesen. Ich kann dies nicht genug wiederholen, da ich hierbei immer auf taube Ohren stoße, deren Inhaber nicht verstehen. Es macht krank, wenn man zu Menschen spricht, die einen schlicht nicht verstehen wollen. Krank machen auch diejenigen, die die Leiden der Heimatlosigkeit zwischen den Kulturen gefühllos als Lamento eines Selbstmitleids abtun und – noch schlimmer – diejenigen, die hämisch ein schaustellerisches Geltungsbedürfnis unterstellen.

Trotz der beklagten Heimatlosigkeit nimmt Frankfurt neben Damaskus einen besonderen Platz in meinem Leben ein. Von 1962 bis 1973 habe ich, nach einem Intermezzo in Mannheim (vgl. den nächsten Abschnitt) und einem anderen in München, in Frankfurt gelebt. Die Stadt Frankfurt liebe ich als Ort meines Studiums bei Adorno, Horkheimer, Fetscher und Habermas sowie der 1968er Studentenrevolte. Diese großartigen Gelehrten haben mein Leben auf allen Ebenen geprägt; sie waren an der deutschen Universität und auch in meinem Leben einmalig. Nirgendwo in Deutschland gibt es heute Professoren dieses Kalibers. Cambridge/MA, wo Harvard beheimatet ist, kommt auch wie Frankfurt positiv meiner Seele am nächsten. Herüber mehr in einem Abschnitt im zweiten Teil dieser Autobiografie.

Im Englischen nennt man eine Mischung von „Gut“ und „Schlecht“ einen „mixed bag“ und ein solches war mein Leben in Deutschland von Frankfurt bis Göttingen. Zwischen 1962, als ich Damaskus verließ, und 1973 fand die entscheidende Phase meines Lebens in einer Stadt statt, die an zweiter Stelle nach Damaskus rangiert: Frankfurt am Main. In diesen elf Jahren 1962-1973 hat mein Leben in Frankfurt die zentralen Inhalte und die zentrale Richtung erhalten. In dieser Zeit erlernte ich nicht nur die deutsche Sprache (ich konnte bei Ankunft im Oktober 1962 in Frankfurt außer „Ich liebe Dich Fräulein“ kein Wort Deutsch). Auch wurde ich mit dem europäischen Geistesleben, vor allem mit der Denkwelt der Frankfurter Schule und ihren Quellen im deutschen Idealismus (Hegel u.a.) und der europäischen Aufklärung (vor allem Kant) vertraut. Die Frankfurter Jahre 1963-1973 gehören zu den wichtigsten meines Lebens. Ich möchte keine Stunde dieser Jahre missen. Für diese Zeit bin ich unendlich dankbar, denn sie gehört zu dem positiven Segment des „mixed bag“ meines Lebens in Deutschland. Meine Liebe zu Deutschland (nicht zum deutschen Volk) ist gewachsen nicht nur aus meinem inneren Verhältnis zur deutschen Sprache, sondern auch aus diesen tollen Frankfurter Jahren. Ohne Vermessenheit möchte ich mein Verhältnis zu Deutschland mit dem vergleichen, was mein Lehrer Adorno in seinem Aufsatz „Was ist deutsch?“ zu seinem Verhältnis zu Deutschland schrieb: Was für Adorno bei der Entscheidung nach der Flucht vor Hitler 1933 doch nach 1950 zurückzukehren, entscheidend war: „das ist die Sprache“, also die innere Beziehung zur deutschen Sprache. Dies gilt auch für mich, obwohl ich weit mehr als Adorno auf Englisch schrieb, also elf Bücher. Diese sind in den USA erschienen und bleiben – im Gegensatz zu meinen 30 deutschen Büchern – im Buchhandel. Die heutigen Deutschen scheinen ihre Buchkultur aufgegeben zu haben, so erfahre ich es zumeist an dem Verhältnis meiner Studenten zum Buch. Meine dreißig Bücher in deutscher Sprache sind ein Bestandteil meiner Beziehung zu Deutschland.

Elf Jahre nach der Ankunft in Frankfurt 1962 ohne Deutsch-Kenntnisse hielt ich im April 1973 an der Universität Göttingen, nunmehr zum deutschen Professor aufgestiegen, meine erste Vorlesung in deutscher Sprache auf einem Adornitischen Niveau (vgl meine Aufsatzsammlung edition Suhrkamp Bd. 983). Vor dem Abschied 1973 veröffentlichte ich in Frankfurt bei dem damals noch hoch respektierten, aber heute heruntergekommenen Suhrkamp-Verlag meine in deutscher Sprache verfasste Habilitationsschrift „Militär und Sozialismus in der Dritten Welt“. Meine ebenso auf Deutsch geschriebene Dissertation erschien zwei Jahre davor ebenso in Frankfurt/ M. bei der damals hoch geachteten Europäischen Verlagsanstalt. Trotz dieser positiven Geschichte, die man mit dem englischen Ausdruck „success story“ umschreiben kann, empfand ich, dass meine große Liebe zu Deutschland nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Ich erlebte Deutschland zwischen 1962 und dem Schreiben dieser Zeilen 2016, also vierundfünfzig Jahre lang, trotz des großartigen deutschen Beitrags zur Aufklärung praktisch als ein Land mit ethnisch-exklusiver Kultur. Die Community, in der ich in meinen Frankfurter Jahren von 1963-1973 lebte war jedoch eine Ausnahme, die sich nie nach 1973 in meinem Leben in Deutschland wiederholte. Meine Frankfurter Freunde haben sich mir gegenüber als Menschen, nicht als Deutsche definiert. Trotz dieser positiven Aspekte kann ich nicht darüber schweigen, dass mein in Frankfurt geborener Sohn Fabian den arabischen Mittelnamen Fuad (bedeutet Öffnung des Herzens) trägt; eben diesen arabischen Namen verheimlichte Fabian aus Angst, als Ausländer identifiziert zu werden. Er flehte mich als Kind stets an, ihn im Kindergarten als Fabian und nicht als Fuad anzusprechen, weil er nicht wollte, wie ein Ausländer behandelt zu werden. Als Kindergärtner in jener Frankfurter KITA arbeitete, wie bereits erwähnt, Daniel Cohn-Bendit.

Eben in dieser Ausnahme der Studienjahre in Frankfurt fühlte ich mich heimisch und geborgen. Ein Gefühl, das ich nach 1973 nie, weder in Göttingen noch in einer anderen deutschen Stadt je hatte. Nochmals: Die auf meiner Lebenserfahrung in Deutschland basierende Erkenntnis der Fremdheit ist eine Feststellung und keine Polemik gegen Deutsche. Angesichts des Fehlens einer Debating Culture in Deutschland versuchte ich diesen Mangel wissenschaftlich außerhalb Deutschlands zu erforschen und zu diskutieren. In Stanford beteiligte ich mich an Forschungen über Ethnizität in Europa und versuchte dabei, mein Leben in Deutschland als „Case“ zu verarbeiten. In meinem Kapitel zum Buch der Stanford University Press „Ethnic Europe“ von 2010 versuche ich zu begreifen, warum Deutschland deshalb keine Heimat der Identifikation – im Sinne von „Belonging“ – werden konnte. Die Folge dieses „Ethnic Europe“ ist die Ethnisierung des Islam selbst, die sich in Parallelgesellschaften in Europa niederschlägt. Deutsche Meinungsmacher verbieten das Reden über diese Thematik als „fremdenfeindliche Islamophobie“. Manche zücken schnell die Keule des Rassismus und der Islamophobie, wenn ein Forscher Tabus bricht und von islamischen Parallelgesellschaften religiös-ethnischer Kollektive spricht. Doch müssen wir Demokraten hierüber reden, eben weil der Djihadismus in Europa (zweimal 2015 in Paris) eben aus diesen ethnisierten Parallelgesellschaften islamischer Minderheiten hervorgetreten ist. Zudem gibt es eine „islamische Herausforderung“ (so der Titel meines 2007 erschienen Buches) für Europa, vor der man nicht politisch-korrekt die Augen verschließen darf.

Gerade im Jahr 2016, nach einem Jahr einer millionenstarken islamischen Flüchtlingslawine aus aller Welt nach Deutschland (1.1 Million Flüchtlinge wurden registriert, es kommen weitere untergetauchte Hunderttausende Personen dazu), täten deutsche Politiker und deutsche Medien-Herrscher gut daran, ehrlich und offen über Wege der Integration im Sinne von „Belonging“ zu einem deutschen Gemeinwesen nachzudenken, anstatt wertlos eine von ihnen vorgeschriebene rhetorische Fremdenliebe zu verordnen und parallel hierzu eine Meinungsdiktatur (z.B. im ZDF) auszuüben. Eine Gesellschaft, die Migranten integrieren will und sie nicht in Flüchtlingslagern herunterkommen lässt, muss eine „Obergrenze“ setzen, weil Kapazitäten nicht grenzenlos sind. Wie kann eine Person – wie Frau Merkel -, die diese simple Rechnung von Zahlen und Kapazitäten nicht versteht und auch nicht zulässt, Bundeskanzlerin des wichtigsten Mitgliedes der Europäischen Union ohne Widerspruch sein?

Die Wahrheit ist diese: Deutsche Politiker und „opinion Leader“ ethnisieren die Fremden wohlwollend als „Menschen mit Migratiosnhintergrund“; sie zwingen sie mit einem „Gutmenschen“-Geist zu einer Erziehung in der Mutterland-Kultur statt sie zu Mitgliedern des deutschen demokratischen Gemeinwesens erzieherisch zu fördern. Damit vermitteln sie den Eindruck, dass sie keine genuine Integration anstreben wollen. Der Begriff „Menschen mit Migrationshintergrund“ ist   doch   nur   ein   anderer   Begriff für „Ausländer“, die nicht dazu gehören sollen. Ich bin einer von denen, der gerne als ein Deutscher anerkannt und gleichwertig behandelt, nicht ausgegrenzt wird. Das ist mir in 54 Jahren nicht gelungen. Dennoch wiederhole ich meine große Zuneigung gegenüber diesem Land, seiner Sprache und seiner Kultur, vor allem aber seinem Grundgesetz; nur deshalb lebe ich hier, bin aber traurig über die fehlende Anerkennung und die Identifikation,   die   ich   mit   der   Masse   der   deutschen   Bürger mit „Migrationshintergrund“ teile.

Ich verschweige es nicht, dass ich als Muslim die deutsche Gesinnungsethik des Kulturprotestantismus abstoßend finde und bitte um Verständnis für meine Ehrlichkeit. Normale Menschen können keinen Respekt für andere Menschen haben, denen es an Selbstrespekt mangelt. Ich habe oben das Pendeln zwischen Nazi-Geist einerseits und global besorgten Gutmenschentum andererseits als Extreme ausgemacht, die Deutschland als Land des „Pathos des Absoluten“ (Adorno) prägen. Das ist eine Zwischenbilanz.

Ich möchte diesen Teil über Frankfurt zugestandenermaßen ein wenig schwärmerisch beenden, indem ich anhand eines Erlebnisses von November 1989 behaupte, dass selbst die Diebe von Frankfurt ihren Charme und ihre Werteorientierung haben: Im November 1989 flog ich von Chicago nach Frankfurt zurück nach einem arbeitsintensiven Workshop am „Fundamentalism Project“ der American Academy of Art and Sciences, zu dessen Forschungsteam ich gehörte. Es war an einem frühen Morgen nach einem Nachtflug am Frankfurter Hauptbahnhof, als ich meinen in Frankfurt wohnenden Sohn Fabian von einem öffentlichen Telefon aus anrufen wollte. Hierfür habe ich meinen Boardcase für maximal eine halbe Minute auf den Boden gestellt, um die Telefonnummer zu wählen. Als ich mit dem Wählen fertig war, war der Koffer weg. Darin befanden sich Geld und Wertgegenstände im Wert von 10.000 Dollar, die Schlüssel zu meinem Harvard-Büro und auch zu meinem Cambridge-Appartement. Wichtiger als dies waren die handschriftlichen Notizen von ca. 100 Seiten aus jenem Forschungsprojekt. Dies waren die Ergebnisse des Forschungsteams in Chicago. Ich drehte buchstäblich durch und ging zitternd zur Bahnhofspolizei. Der Frankfurter Polizist sagte scherzend mit einem Vergleich Frankfurt-New York: „Haben Sie nicht gemerkt, dass Frankfurt Mainhatten ist?“ Ich antwortete, dass ich aus einer gefährlicheren Stadt als New York komme, nämlich aus Chicago; und dort ist mir nichts passiert. Auf die Zusicherung hin, meine Versicherung würde mir alles erstatten, sagte ich dem Polizisten, dass meine Forschungsunterlagen unersetzbar sind. Dann beruhigte er mich mit der Zusicherung, dass die Frankfurter Diebe einen Kodex und eine Werteorientierung haben; sie nehmen nur Wertsachen. Der Polizist hatte Recht, denn wenige nach dem Raub kam ein Anruf von der Frankfurter Fundstelle, dass mein Boardcase abgegeben wurde. Natürlich waren alle Wertsachen entnommen worden, aber die Manuskripte und Notizen waren vollständig drinnen. Das ist in meiner Nostalgie der Charme von Frankfurt am Main, den nach meinem Gefühl keine andere deutsche Stadt hat. An jenem Tag war mein Glück unermesslich.

7. Das Intermezzo in Mannheim unter deutschen Kriegswitwen

Mein Leben in Deutschland beginnt in Frankfurt nach der Ankunft aus Damaskus. Dieser erste Aufenthalt war jedoch nur auf eine Nacht vom 26. Auf den 27. Oktober 1962 begrenzt. Am nächsten Tag bin ich nach Mannheim weitergereist. Also meine europäische Lebensgeschichte beginnt in Mannheim. Ich reiste deshalb nach Mannheim, weil ich dort eine Adresse und Hilfe hatte. Nach Mannheim folgte ein Sprachkurs am Goethe-Institut in Ebersberg/Bayern, ehe ich im Sommer 1963 nach Frankfurt für ganz zehn Jahre zurückkehrte; diese waren die wichtigsten zehn Jahre meines Lebens.

Mein Angelpunkt in Mannheim war ein Palästinenser, der mir einst in Damaskus Privatunterricht in Englisch gegeben hatte; er lebte damals als Gastarbeiter in Mannheim und er nahm mich für wenige Tage auf, bis er den sehr glücklichen Umstand bewerkstelligte, mir ein Zimmer als Untermieter im Haus einer Kriegswitwe zu finden. Im Oktober 1962 konnte ich kein Wort Deutsch. Die wundervolle, damals ca. 70 Jahre alte Vermieterin, Frau Slenzka, brachte mir die ersten Grundkenntnisse der deutschen Sprache bei; sehr schnell wurde sie für mich eine Art Ersatzmutter und ihr Kreis siebzigjähriger Kriegswitwen substituierte den Verlust der Wärme meiner behüteten Welt von Damaskus. Jeden Nachmittag begleitete ich Frau Slenzka zu ihrem Freundeskreis bei deutschem Kaffee und Kuchen. Der zweimonatige Aufenthalt in Mannheim-Feudenheim in der Körnerstraße sollte nur als ein Übergang dienen vor dem Deutschkurs am Goethe-Institut im bayerischen Ebersberg im Januar 1963. Die Monate November und Dezember meines ersten Jahres in Deutschland im Kreise von Frau Slenzka ermöglichten mir, relativ schnell Deutsch zu sprechen, sodass ich im Goethe-Institut anstelle des belegten Anfängerkurses gleich auf der dritten Stufe einstieg. Der warmherzige Mannheimer Witwenkreis war für mich aber auch eine Einführung in das deutsche Leben.

Gleich nach meiner ersten Woche in Deutschland litt ich dermaßen unter Wärmeverlust und Heimweh, dass ich vergaß, wie viel Kampf mit den Eltern überhaupt die Reise nach Deutschland erfordert hatte; ich wollte gleich zurück zum Wärmenest Damaskus, buchstäblich zum Schoß meiner Mutter, wo ich achtzehn Jahre lang aufgewachsen war. Meine Mutter, die mich 1944 zur Welt gebracht hatte, als sie nur 16 Jahre alt war (geb. 1928), verkörperte für mich den Inbegriff der Liebe. Mein Vater, der 21 Jahre älter als meine Mutter war (geb. 1907), stand dagegen symbolisch für die Figur des verhassten Orient-Despoten, dem ich als Teenager entfliehen wollte. In Mannheim war ich Untermieter bei der Kriegswitwe Frau Slenzka, sie konnte in Mannheim den Verlust der mütterlichen Liebe einigermaßen lindern, sodass ich den Wunsch aufgab, nach Damaskus zurückzukehren. Wäre ich nach einigen Wochen in Deutschland in die Heimat zurückgekehrt, dann wäre dies nicht nur ein Skandal, sondern auch eine Schmach für die Banu al-Tibi gewesen, deren Sprößling nach dem Damaszener Zeitungsbericht nach meiner Abreise angeblich zum „Erwerb des Doktorgrades in Nationalökonomie“ nach Deutschland gegangen war und nun beinahe mit leeren Händen zurückgekehrt wäre.

Das warmherzige Mannheimer Leben unter deutschen Kriegswitwen im Kreise von Frau Slenzka kompensierte vorerst den Verlust meiner Heimat und trug dazu bei, die Rückkehr nach Damaskus und die damit verbundene Blamage zu verhindern. Wäre ich zurückgekehrt, hätte mein Leben einen völlig anderen Verlauf genommen. Heute, 54 Jahre danach, blicke ich auf ein sehr reiches kulturübergreifendes Leben auf allen fünf Kontinenten dieser Welt zurück. Doch das Leben „global citizen“ täuscht nicht darüber hinweg, dass ich fremd und einsam bin, ich vermisse die Nestwärme von Damaskus – auch im Alter von zweiundsiebzig Jahren. Das Damaskus meiner Erinnerungen steht im Kontrast zu jener Ruine, die Damaskus heute ist. Ich weiß, dass ich in Göttingen besser aufgehoben bin, hierfür bin ich Deutschland dankbar. Dennoch schmerzt es mich zu sehen, wie die Mehrheit der Deutschen den Zerfall Syriens nicht versteht. Ich habe dies in der Züricher Weltwoche (Heft 49/2015) in dem Artikel „Mein Syrien“ (auch auf meiner Homepage gepostet) erläutert. An der Spitze der Deutschen, die Syrien nicht verstehen, ist die deutsche Bundeskanzlerin selbst. In jenem Artikel sprach ich Frau Merkel ab, alle drei Voraussetzungen zur „Politik als Beruf“, die Max Weber bestimmte, zu erfüllen. Merkels Deutschland ist nicht meine frühere westlich geprägte Bundesrepublik.

Das Intermezzo von zwei Monaten bei Frau Slenzka in Mannheim (November bis Dezember 1962) leitete den Umzug nach Ebersberg in Oberbayern ein. Dort befand sich damals das Haus des Goethe-Instituts, in dem ich schön am See gelegen wohnte. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in einer internationalen Umwelt mit Deutsch-Schülern aus aller Welt. Ich teilte damals im Januar und Februar 1963 das Zimmer mit einem Nigerianer, der ein frommer Christ war und stets betete. Dieser Zimmergenosse war der erste Afrikaner, dem ich in meinem Leben begegnete. Es war Faschingszeit und das Goethe-Institut nahm am Faschingsumzug u.a. mit einem offenen Wagen teil, dessen Ladefläche von Ausländern bestiegen wurde, die nicht nur Deutsch lernten, sondern dabei auch eine bayerische Maß Bier tranken. Dies war die erste Alkoholberührung meines Lebens; eine Maß reichte aus, mich in Trunkenheit zu verwandeln. Für mich war es befremdlich, beim Fasching zuzusehen, wie erzkonservative christliche Bayern plötzlich in Mann-Frau-Beziehungen entsprechend freizügig und erotisch miteinander umgingen. Es war ein weiterer Kulturschock. Mit meiner bayerischen Freundin wagte ich 1963 höchstens eine Handberührung, einen Tanz, aber nie einen Kuss. Ich war so verklemmt durch meine Damaszener Erziehung. Dies hielt an bis in die 1968er Zeit in Frankfurt, als die Zeit der sexuellen Revolution im Kreis des SDS begann, die für mich die große Befreiung war, aber nicht nur eine Bereicherung darstellte, wie ich noch näher ausführen werde.

Nach dem zweimonatigen Intensivkurs am Goethe-Institut hatte ich noch Zeit, bis die Schulzeit am hessischen „Studienkolleg für ausländische Studierende“ (die Schule für Ausländer zum Erwerb des Äquivalents zum deutschen Abitur) anfing. Es zog mich zurück nach Mannheim zur ersatzmütterlichen Wärme von Frau Slenzka und zu ihrem Kriegswitwenkreis. Meine inzwischen erlangte Beherrschung der deutschen Sprache machte mich heimisch und diese wunderbaren alten Frauen versüßten mein Leben und kompensierten mein Heimweh. Für mich war ein Gesicht wie das von Frau Slenzka „das freundliche Gesicht Deutschlands“ und dies ganz im Gegensatz zu Merkels Gesicht der Verkniffenheit und zu der unaufrichtigen Willkommenskultur. In meinem im Januar 2016 in der Weltwoche erschienen Artikel „Europa nach Merkel“ begründe ich dies. Ab Sommer 1963 bis Sommer 1973 beginnt für mich in Frankfurt das alles entscheidende Jahrzehnt meiner 54 Jahre Leben im Westen.

8. Die entscheidenden Lebensstufen: Damaskus, Frankfurt, Göttingen, Harvard

Meine Wirkung als akademischer Lehrer, als wissenschaftlicher Autor sowie durch Aktivitäten in Forschung, auf Konferenzen und Vorlesungen umfasst alle fünf Kontinente. Die Orte sind zahlreich und der Wechsel war häufig und die Orte des Wirkens waren zahlreich; doch sind es nur vier Standorte, die mein Leben bestimmt haben. Sie sind oben in der Reihenfolge der Zwischenüberschrift angegeben und können als Stufen meiner Lebensgeschichte verstanden werden. Die erste Stufe meines Lebens war Damaskus, wo meine Persönlichkeitsstruktur die bestimmende Prägung erhielt. Wie oft trieb mich das Heimweh dorthin. Aber sehr früh war mir der Rückweg nach Damaskus politisch verschlossen. Seit 2011 ist Damaskus eine Ruine. Die zweite Stufe, Frankfurt, war und bleibt so konstitutiv wie Damaskus für mein Leben. Die Universität Göttingen sollte als dritte Stufe ab 1973 nur eine Zwischenstufe sein. Aber nach 1973 verschlossen alle deutschen Universitäten ihre Türen für mich als ausländischen Wissenschaftler. Der Beweis für diese Ausgrenzung fußt auf 50 Bewerbungen zwischen 1975 und 1992 mit dem eindeutigen Endergebnis der Exklusion. Ab 1982 suchte ich das außerdeutsche Ausland und fand Harvard, die vierte Stufe meines Lebens. Die Flucht aus Deutschland in die große Welt wird der Gegenstand des 2. Teils dieser Autobiografie mit dem Leitsatz „Nichts wie weg von hier“ bilden; leider blieb diese Flucht ohne Abschied. Denn ich kam nach jeder Weltreise zurück nach Deutschland. Warum? Heute sage ich mit Demut: aus Dummheit.

Im Jahr 1973 ehrte die Uni Göttingen mich dadurch, mit 29 Jahren der jüngste Professor dieser Universität mit internationaler Reputation zu sein, aber sie drohte zu einer Sackgasse in meiner Lebensgeschichte zu werden. Ich wollte die Universität wechseln, weil viele Rufe nach deutschen Maßstäben gewöhnlich zur Biographie eines erfolgreichen jungen Professors gehörten. Ich habe bereits die erfolglosen Bewerbungen in Nord- und Süddeutschland angeführt. Im Land der Willkommenskultur wollte keine deutsche Universität mich als Ausländer haben. Wie aufrichtig ist die deutsche Willkommenskultur? Die eiskalte Wahrheit ist, dass ich Deutschland als Land der ethnischen Exklusion erfuhr. Ich kann den Satz vieler Professoren „Das hat mit Dir als Ausländer nichts zu tun“ nicht mehr hören. Für mich dienen solche Worte lediglich als Legitimation einer geglaubten Unschuld.

Die Alternative war daher, einen Anschluss an die große Welt zu suchen; dies bot mir die Harvard University, die mich 1982/83 als Visiting Scholar aufnahm. Es war ein Fehler, dass ich nicht dort blieb. Harvard war seit 1982 für 18 Jahre als Fluchtort meine akademische Heimat. Dort folgten fruchtbare Jahre mit vielen Büchern, deren Höhepunkt Ende 1998-2000 meine Position als The Bosch Fellow of Harvard wurde. Die Jahre 1982-2000 verbrachte ich dort – z.T. parallel zu Göttingen, z.T. durchgehend – und sie stellen den wichtigsten Teil meines akademischen Lebens dar. Harvard öffnete die große Welt für mich, sponserte drei meiner Bücher; sie wurde im Sinne von „Belonging“ meine akademische Heimat. Dies ändert jedoch nichts an der Heimatlosigkeit und der damit verbundenen Flucht als Kennzeichen meines Lebens. Die Stationen Frankfurt, Göttingen und Harvard bringen die misslungene Suche nach einem heimatlichen Ufer. Das Gefühl des „Sense of Belonging“ als Grundlage für eine Identität habe ich teilweise auch durch wissenschaftliche Anerkennung in Harvard bekommen, aber niemals in Göttingen, wo ich Schubse, Tritte und tiefe unvergessliche Verletzungen erlebte, die ich ausführlich im zweiten Teil in Abschnitt 12 ausführen werde.

Zwischen 1982 und 2010 jettete ich buchstäblich zwischen allen Ivy- League-Elite-Universitäten der amerikanische Ostküste (und später ab 1992 ebenfalls der Westküste, u.a. Berkeley, UCLA und Stanford) und dem Rest der Welt hin und her. Die Wirkungsorte waren West-Afrika, Europa und natürlich der Nahe Osten, ab 1995 kamen Südostasien und Australien hinzu. Diese Orte des Wirkens entfremdeten mich zunehmend von Göttingen. Dennoch konnte keine Stadt auf diesen fünf Kontinenten das bieten, was Damaskus 1944-62 mir einst gab. Ich hatte das Glück, als „global scholar“ wirken zu können, musste aber dafür einen sehr hohen Preis, nämlich den von Entwurzelung und Heimatlosigkeit zahlen. Als mein Leben als „Global Scholar“ 2010 endete, fiel ich in ein Loch mit einer schweren Identitätskrise, die mich total lähmte. Nach der ersten tiefgreifenden Identitätskrise von 1975-78 war diese – von 2012-2014 – die zweite Krise dieser Art. Die erste habe ich durch klassisch Freud‘sche Psychoanalyse und die zweite durch kompetente Psychotherapie überstanden.

In den 1990er Jahren hatten der Erfolg und der damit verbundene „Glamour“ der Medienwelt, wie ich dies ausführlicher in einem Abschnitt zum Teil 2 noch ausführen werde, mich dermaßen geblendet, dass ich heute beschämt bin, einzuräumen, die mir zugeordnete Rolle des „Vorzeige-Ausländers“ naiv und unbedacht mitgespielt zu haben. Neben der Wissenschaft haben mich die Medien 1990- 2000 als „Experte“ entdeckt und den roten Teppich ausgerollt; sie haben meine Heimatlosigkeit nur vertuscht und mich als „Vorzeige-Araber“ missbraucht. Ich machte damals voll mit. Dies half, die mit meiner Heimatlosigkeit zusammenhängenden Leiden zu verdrängen. Heute, nachdem ich die Bühne verlassen habe, beobachte ich als Ausländer mit deutschem Pass andere deutsche Ausländer aus der Welt des Islam, die opportunistisch den Deutschen nach dem Mund reden und hierfür mit Preisen und unehrlichen Ehrungen belohnt werden. Ich beobachte dies mit einer Mischung aus Mitleid und Geringschätzung, in Erinnerung daran, dass ich in den 1990er Jahren auch so viel mediale Aufmerksamkeit bekommen habe, als ich die Rolle des Vorzeigearabers in den deutschen Medien zwischen 1990-2001 spielte. Ich tat dies damals ganz gewiss nicht aus Opportunismus, dies betone ich emphatisch, sondern eher aus Naivität und Dummheit. Dies räume ich voll ein.

Der brutale deutsche Begriff „im Ruhestand“, der für die Emeritierung/Pensionierung eines Professors verwendet wird, beschreibt das Ende meines fast vierzigjährigen aktiven Berufslebens. Der „Ruhestand“ kratzt erst allmählich, dann schnell und brutal am Lack des Erfolges und „Glamours“.

In einer globalisierten Welt wird uns Menschen im Namen des technischen Fortschrittes vorgegaukelt, wir würden uns verbessern, während wir doch zunehmend entwurzeln. Ich brauchte mehr als vierzig Jahre, um den von meinem jüdischen Lehrer Max Horkheimer in seinem Nachruf auf seinen Freund Theodor W. Adorno festgestellten Satz: „mit rein technischem Fortschritt verbundenen Verfall von Kultur“ (in: Adorno zum Gedächtnis) zu verstehen. Kulturelle Verankerung an einem Ufer gehört als kulturelle Identität zur Persönlichkeitsbildung. Globalisierte Heimatlosigkeit negiert diesen Rahmen einer Verankerung.

Die Technisierung und Instrumentalisierung. Dies sehe ich heute in Deutschland überall: junge tätowierte und gepiercte Menschen ohne Werteorientierung, mit Smartphone in der Hand, umherlaufend wie Roboter. Muslime laufen mit dem Koran, als Buch der Werte, in der Hand herum. Ein Smartphone ermöglicht instrumentelle Chats, aber weder Werte noch Kommunikation. Wenn diese Beobachtung generalisierungsfähig wäre, dann wäre dies ein Todesurteil für die junge deutsche Generation.

Die allergrößte Wende meines Lebens begann mit der Reise von Damaskus über Paris nach Frankfurt am 26. Oktober 1962; an jenem Tag begann der Prozess, den man am besten mit dem englischen Ausdruck „Journey of my life“ umschreiben kann. Ich möchte diese Reise beschreiben: Es ist der Weg von Damaskus, der einstigen Hauptstadt der islamischen Zivilisation während der Umayyaden-Zeit (661-750) zur Wirkungsstätte der Frankfurter Schule. Die Reise begann, als ich achtzehn Jahre nach meiner Geburt in Damaskus in eine Air-France-Maschine nach Paris bestieg. In Paris stieg ich um in eine LH-Maschine nach Frankfurt. Am Flughafen von Damaskus wurde ich von mehr als zweihundert Menschen meines Clans namens Banu al-Tibi umgeben und verabschiedet.

Eine Damaszener Zeitung berichtete am nächsten Tag „Der Spross der Banu al-Tibi, Bassam, flog gestern nach Frankfurt, um dort seinen Doktor in Nationalökonomie zu erlangen“. Dies war eine orientalische Hochstapelei, denn in Wirklichkeit ging es um weit Geringeres. 1962 hatte ich nach 12 Schuljahren das französische Baccalaureate erlangt, das in Deutschland nicht mit dem Abitur gleichgesetzt wurde. Vor einem Studium an einer deutschen Universität musste ich deshalb nicht nur Deutsch lernen (meine Fremdsprachen damals waren Französisch und Englisch), sondern auch ein Jahr wieder zur Schule gehen, um ein Äquivalent zum deutschen Abitur zu erlangen. Diese Reise am 26. Oktober 1962 war der erste sehr große Durchbruch in meinem gesamten Leben. Ich war bis 1962 nie im Ausland   gewesen   und   kannte   nur   Damaskus   und   Beirut. Den unbeholfenen Jungen beobachtete eine Dame mittleren Alters am Flughafen in Paris und erriet richtig die Herkunft, weil sie mich im libanesischen Arabisch ansprach mit den Worten: „Du musst eine Rabenmutter haben, die Dich alleine in diesem Alter nach Paris lässt“. Genau das Gegenteil war meine Mutter, die mich sehr behutsam, mit allzu viel Wärme und Liebe achtzehn Jahre lang in Damaskus erzog. Meine Eltern stimmten nicht nur widerstrebend einem Studium in Frankfurt zu, weil ich angedroht hatte, andernfalls gar nicht zu studieren. Lieber wäre ich damals in die USA gegangen, aber die Entfernung rief den heftigen Widerstand meiner Eltern hervor. Frankfurt war ein Kompromiss mit der Bedingung, alle Ferien im Elternhaus in Damaskus zu verbringen.

In den wenigen Stunden beim Zwischenaufenthalt in Paris und noch mehr in Frankfurt am Abend jenes Tages erlebte ich den ersten Kulturschock, als ich in Natur Männer sah, die Frauen umarmten und küssten. So etwas hatte ich vorher nur im Kino – natürlich auch zensiert – gesehen. In den 1950er Jahren dominierte in Damaskus der pan-arabische Nationalismus, aber es gab damals dennoch keine anti-westliche Stimmung. Im Gegenteil, meine Generation erhob Hollywood-Figuren wie James Dean, Elvis Presley sowie Jazz-Legenden wie Louis Armstrong und Nat King Cole zu Kult-Figuren. Die Damaszener Kinos brachten alle bekannten Hollywood-Filme, die die Phantasien meiner Generation entflammten und den Wunsch hervorriefen, im Westen zu leben. Der Westen war für uns damals mit der Hollywood-Kultur identisch. Erst durch das Studium in Frankfurt wurden jene US-Kultfiguren für mich durch Kant, Hegel und Marx und Weber abgelöst, natürlich auch durch die in Natur erlebten großen Denker Horkheimer, Adorno, Bloch und Habermas.

9. Der soziale Abstieg vom Bürger-Sohn zum Postarbeiter. Plan B: Vom „Dr. der Ökonomie“ zum Dolmetscher-Studenten

Nach dem Erlernen der deutschen Sprache als dritte Fremdsprache (neben Französisch und Englisch in der Schule in Damaskus) in Mannheim und Ebersberg/ Bayern ging ich im Sommer 1963 nach Frankfurt. Dort startete das Schuljahr für ausländische Studierende am Hessischen Studienkolleg. Kaum ging dieses Jahr zu Ende, da wurde ich mit dem größten Schock meines Lebens konfrontiert: Das Bauunternehmen meines Vaters geriet in die politischen Turbulenzen des Landes, sodass mein Vater seinen Reichtum verlor und mir kein Geld mehr überweisen konnte. Ich stand vor der harten Entscheidung, entweder sofort nach Damaskus zurückzukehren oder einen Weg des Geld-Erwerbs durch Arbeit zu finden, um mich zum ersten Mal im Leben selbst zu finanzieren. In jenem Jahr 1963 war ich schon 19 Jahre alt, aber durch die weiche Erziehung im mütterlichen Damaszener Wärmenest bin ich – ich wage es zu schreiben – infantil-kindlich geblieben, unfähig, das Leben zu bewältigen. Für meine Persönlichkeitsstruktur war es schon eine große Leistung, allein ohne Begleitung von Damaskus nach Frankfurt zu fliegen und mich ein Jahr lang zwischen Mannheim, Ebersberg und Frankfurt zurechtzufinden. Aber um Geld hatte ich mich bisher nicht kümmern müssen, wie dies im Herbst 1963 plötzlich der Fall wurde. Es folgte dann eine harte Zeit, die sehr wichtig für die Entwicklung meiner Persönlichkeit sowie für den weiteren Verlauf meines Lebens war, da ich zum ersten Mal unter dem Druck stand, auf eigenen Füßen zu stehen und Verantwortung für mich zu übernehmen. Vor allem musste ich erstmals das Geld selbst verdienen, das ich zum Leben benötigte. Das war ein riesengroßer Sprung. In diesem Kontext erfolgte der Abstieg vom Aristokraten aus Damaskus zu einem Gastarbeiter in Deutschland. Dieser Prozess war von Härten begleitet, in dessen Verlauf ich überhaupt erst erwachsen wurde.

Die Deutsche Bundespost – aus Beamten und angestellten Facharbeitern bestehend – war 1963/64 der Ort der gesellschaftlichen Realität, an dem ich gezwungen wurde, einen beschleunigten Reifeprozess zu durchlaufen. Die Deutsche Bundespost suchte damals Arbeitskräfte und so war das Postamt für Paketzustellung am Frankfurter Hauptbahnhof bereit, mich einzustellen und zu helfen, mein Studentenvisum in ein Arbeitsvisum umzustellen. Zuvor musste ich eine dreiwöchige Ausbildung zum Postfacharbeiter absolvieren. Die Arbeitszeit begann um sechs Uhr am Morgen, um ca. zwei Stunden Pakete zu sortieren und sie in den Postwagen für die Zustellung umzuladen. Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich körperlich arbeiten und mir die Hände für einen Stundenlohn von nur 1,30 DM schmutzig und rissig (durch Postschnüre) machen. Ich weinte dabei bitterlich, aber nach Damaskus wollte ich nicht zurück, nachdem ich dort die Sommerferien 1963 verbracht hatte und die schon damals blutigen Turbulenzen nach einem Putschversuch ängstlich beobachtete. Die fast einjährige Tätigkeit als Postfacharbeiter (Paketzusteller) verhalf mir zur persönlichen Reife, da ich damals der Persönlichkeitsstruktur nach, die durch das Elternhaus (besonders der Mutter) verschuldet war, noch ein Kind war. Dieser Defekt lastet mir bis heute auch als Zweiundsiebzigjähriger noch an. In diesem harten Jahr 1963/64 hatte ich keine Familie, keinen Ersatz dafür wie in Mannheim und auch gar keine Freunde. Ich stand für mich alleine im harten Leben eines Menschen, der sich vom Sohn einer Damaszener Aristokratenfamilie zu einem ausländischen „Gastarbeiter“ (in Damaskus lässt man Gäste nicht arbeiten) verwandeln musste. Das Positive daran war damals, dem Prozess ausgesetzt zu sein, erwachsen zu werden. Es ist keine Übertreibung hervorzuheben, dass sich bei mir während meiner Tätigkeit als Arbeiter 1963/64 bei der Deutschen Bundespost die große Wende meines Lebens vollzog: Vom Kind zum Erwachsenen. Die Deutsche Bundespost gehört zu den Opfern der kapitalistischen Privatisierung in Deutschland. Das nichtkapitalistische und nicht-profit-orientierte Amt der Deutschen Bundespost existiert heute nicht mehr. Trotz meiner positiven Haltung gegenüber der USA habe ich immer die krude-kapitalistische Amerikanisierung abgelehnt und Privatisierungen als Rückschritt gesehen.

Unter den neuen Bedingungen schrumpften die Zukunftsperspektiven zusammen. Die Ankündigung einer großen Damaszener Zeitung von Oktober 1962, „Bassam Tibi flog nach Frankfurt, um dort Dr. der Ökonomie zu werden“, musste durch den Plan B einer Kurzausbildung als Dolmetscher ersetzt werden. Das sehr hart verdiente Geld mit vielen Überstunden als Postarbeiter (Stundenlohn 1,30 DM) sollte als Überbrückung dienen. Doch dieses sehr wichtige Jahr 1963/64 in meinem Leben verhalf mir nicht nur zum Erlernen der selbstständigen Gestaltung meines Lebens, sondern auch zum inneren Kennenlernen des deutschen Lebens. Als Paketzusteller, der alle fünf Minuten bei einem Haushalt an der Tür klingeln muss, erlebt man vieles. So habe ich ein anderes, weniger erfreuliches Gesicht deutscher Kriegswitwen erfahren, nämlich eines der spähenden Neugier. So geschah es z.B., wenn ich bei Familie F. klingelte, dass eine andere Dame ihre Wohnungstür öffnete und unter der Maske des Helfenwollens erfahren wollte, zu wem ich will und was ich mitbringe bzw. von wem das Paket stammte. Solche Lebenssitten erinnern unfreundlich an Überwachung und an geheimdienstliche Strukturen, die nicht zu dem rühmlichen Teil deutscher Geschichte gehören. Neugier ist menschlich, aber ausspionieren ist ein unangenehmer Zug deutscher Kultur (vgl. den Abschnitt „Wie ich als Syrer die Willkommenskultur der Deutschen erlebte“).

Damals durchschaute ich die deutschen Eigenheiten noch nicht und in voller Naivität beantwortete ich alle Fragen, bis ich diese Haltung durchschaute und das Schweigen gelernt hatte. Unangenehm waren auch die Personen, die hinter der Gardine standen und alle Bewegungen fast wie die Geheimpolizei in Damaskus und ähnliche Ämter in Deutschland der Jahre 1933-45 observierten. Heute ist Deutschland aufgeklärter und die jungen Deutschen kennen diese Relikte der Vergangenheit kaum. In vielen Hochhäusern ersetzt heute die kalte Anonymität die erdrückende, aber manchmal fürsorgende soziale Kontrolle der Nachbarschaft. Das Jahr als Postarbeiter war auf allen Ebenen sehr lehrreich und ein konstitutiver Abschnitt meines Lebens. Das hart erworbene und gesparte Geld öffnete den Weg für eine kürzere Ausbildung in München an der Dolmetscherschule.

Im Sommer 1964 lebte ich in München als Student an der dortigen Sprachen- und Dolmetscher-Schule. Wir männlichen Studenten waren höchstens ein Dutzend an der Zahl unter ca. 400 sehr hübschen und modisch-teuer gekleideten weiblichen Studentinnen. Zwar als Aristokrat in Damaskus, aber als Ex-Postfacharbeiter reichten meine Mittel nicht, um mit dem Lebensstil in einem solchen Studentenkreis mitzuhalten. Diese für mich alles andere als reizvolle Umwelt des Konsums sowie die Dolmetscherausbildung selbst, gepaart mit der erworbenen Stärkung meiner Persönlichkeit durch die Härte des Lebens setzten bei mir die Erkenntnis durch, zu kämpfen und dann doch zum alten Plan eines Universitätsstudiums in Frankfurt sogar mit Promotion zurückzukehren. Es ist eine große Leistung von Arbeit, Charakterstärke und Disziplin, dass mir dies gelungen ist. Bis heute bin ich stolz darauf, in einem Gesamtstudium von 12 Semestern, von Sommersemester 1965 bis Wintersemester 1970/71, ein Studium der Philosophie, Geschichte, Politikwissenschaft, Psychologie und Soziologie sogar mit Promotion mit magna cum laude absolviert zu haben. Meine Doktorarbeit über „Nationalismus in der Dritten Welt“ erschien in der linken Buchreihe „Dritte Welt“ beim Gewerkschaftsverlag EVA 1971.

8. Die entscheidenden Lebensstufen: Damaskus, Frankfurt, Göttingen, Harvard

Meine Wirkung als akademischer Lehrer, als wissenschaftlicher Autor sowie durch Aktivitäten in Forschung, auf Konferenzen und Vorlesungen umfasst alle fünf Kontinente. Die Orte sind zahlreich und der Wechsel war häufig und die Orte des Wirkens waren zahlreich; doch sind es nur vier Standorte, die mein Leben bestimmt haben. Sie sind oben in der Reihenfolge der Zwischenüberschrift angegeben und können als Stufen meiner Lebensgeschichte verstanden werden. Die erste Stufe meines Lebens war Damaskus, wo meine Persönlichkeitsstruktur die bestimmende Prägung erhielt. Wie oft trieb mich das Heimweh dorthin. Aber sehr früh war mir der Rückweg nach Damaskus politisch verschlossen. Seit 2011 ist Damaskus eine Ruine. Die zweite Stufe, Frankfurt, war und bleibt so konstitutiv wie Damaskus für mein Leben. Die Universität Göttingen sollte als dritte Stufe ab 1973 nur eine Zwischenstufe sein. Aber nach 1973 verschlossen alle deutschen Universitäten ihre Türen für mich als ausländischen Wissenschaftler. Der Beweis für diese Ausgrenzung fußt auf 50 Bewerbungen zwischen 1975 und 1992 mit dem eindeutigen Endergebnis der Exklusion. Ab 1982 suchte ich das außerdeutsche Ausland und fand Harvard, die vierte Stufe meines Lebens. Die Flucht aus Deutschland in die große Welt wird der Gegenstand des 2. Teils dieser Autobiografie mit dem Leitsatz „Nichts wie weg von hier“ bilden; leider blieb diese Flucht ohne Abschied. Denn ich kam nach jeder Weltreise zurück nach Deutschland. Warum? Heute sage ich mit Demut: aus Dummheit.

Im Jahr 1973 ehrte die Uni Göttingen mich dadurch, mit 29 Jahren der jüngste Professor dieser Universität mit internationaler Reputation zu sein, aber sie drohte zu einer Sackgasse in meiner Lebensgeschichte zu werden. Ich wollte die Universität wechseln, weil viele Rufe nach deutschen Maßstäben gewöhnlich zur Biographie eines erfolgreichen jungen Professors gehörten. Ich habe bereits die erfolglosen Bewerbungen in Nord- und Süddeutschland angeführt. Im Land der Willkommenskultur wollte keine deutsche Universität mich als Ausländer haben. Wie aufrichtig ist die deutsche Willkommenskultur? Die eiskalte Wahrheit ist, dass ich Deutschland als Land der ethnischen Exklusion erfuhr. Ich kann den Satz vieler Professoren „Das hat mit Dir als Ausländer nichts zu tun“ nicht mehr hören. Für mich dienen solche Worte lediglich als Legitimation einer geglaubten Unschuld.

Die Alternative war daher, einen Anschluss an die große Welt zu suchen; dies bot mir die Harvard University, die mich 1982/83 als Visiting Scholar aufnahm. Es war ein Fehler, dass ich nicht dort blieb. Harvard war seit 1982 für 18 Jahre als Fluchtort meine akademische Heimat. Dort folgten fruchtbare Jahre mit vielen Büchern, deren Höhepunkt Ende 1998-2000 meine Position als The Bosch Fellow of Harvard wurde. Die Jahre 1982-2000 verbrachte ich dort – z.T. parallel zu Göttingen, z.T. durchgehend – und sie stellen den wichtigsten Teil meines akademischen Lebens dar. Harvard öffnete die große Welt für mich, sponserte drei meiner Bücher; sie wurde im Sinne von „Belonging“ meine akademische Heimat. Dies ändert jedoch nichts an der Heimatlosigkeit und der damit verbundenen Flucht als Kennzeichen meines Lebens. Die Stationen Frankfurt, Göttingen und Harvard bringen die misslungene Suche nach einem heimatlichen Ufer. Das Gefühl des „Sense of Belonging“ als Grundlage für eine Identität habe ich teilweise auch durch wissenschaftliche Anerkennung in Harvard bekommen, aber niemals in Göttingen, wo ich Schubse, Tritte und tiefe unvergessliche Verletzungen erlebte, die ich ausführlich im zweiten Teil in Abschnitt 12 ausführen werde.

Zwischen 1982 und 2010 jettete ich buchstäblich zwischen allen Ivy- League-Elite-Universitäten der amerikanische Ostküste (und später ab 1992 ebenfalls der Westküste, u.a. Berkeley, UCLA und Stanford) und dem Rest der Welt hin und her. Die Wirkungsorte waren West-Afrika, Europa und natürlich der Nahe Osten, ab 1995 kamen Südostasien und Australien hinzu. Diese Orte des Wirkens entfremdeten mich zunehmend von Göttingen. Dennoch konnte keine Stadt auf diesen fünf Kontinenten das bieten, was Damaskus 1944-62 mir einst gab. Ich hatte das Glück, als „global scholar“ wirken zu können, musste aber dafür einen sehr hohen Preis, nämlich den von Entwurzelung und Heimatlosigkeit zahlen. Als mein Leben als „Global Scholar“ 2010 endete, fiel ich in ein Loch mit einer schweren Identitätskrise, die mich total lähmte. Nach der ersten tiefgreifenden Identitätskrise von 1975-78 war diese – von 2012-2014 – die zweite Krise dieser Art. Die erste habe ich durch klassisch Freud‘sche Psychoanalyse und die zweite durch kompetente Psychotherapie überstanden.

In den 1990er Jahren hatten der Erfolg und der damit verbundene „Glamour“ der Medienwelt, wie ich dies ausführlicher in einem Abschnitt zum Teil 2 noch ausführen werde, mich dermaßen geblendet, dass ich heute beschämt bin, einzuräumen, die mir zugeordnete Rolle des „Vorzeige-Ausländers“ naiv und unbedacht mitgespielt zu haben. Neben der Wissenschaft haben mich die Medien 1990- 2000 als „Experte“ entdeckt und den roten Teppich ausgerollt; sie haben meine Heimatlosigkeit nur vertuscht und mich als „Vorzeige-Araber“ missbraucht. Ich machte damals voll mit. Dies half, die mit meiner Heimatlosigkeit zusammenhängenden Leiden zu verdrängen. Heute, nachdem ich die Bühne verlassen habe, beobachte ich als Ausländer mit deutschem Pass andere deutsche Ausländer aus der Welt des Islam, die opportunistisch den Deutschen nach dem Mund reden und hierfür mit Preisen und unehrlichen Ehrungen belohnt werden. Ich beobachte dies mit einer Mischung aus Mitleid und Geringschätzung, in Erinnerung daran, dass ich in den 1990er Jahren auch so viel mediale Aufmerksamkeit bekommen habe, als ich die Rolle des Vorzeigearabers in den deutschen Medien zwischen 1990-2001 spielte. Ich tat dies damals ganz gewiss nicht aus Opportunismus, dies betone ich emphatisch, sondern eher aus Naivität und Dummheit. Dies räume ich voll ein.

Der brutale deutsche Begriff „im Ruhestand“, der für die Emeritierung/Pensionierung eines Professors verwendet wird, beschreibt das Ende meines fast vierzigjährigen aktiven Berufslebens. Der „Ruhestand“ kratzt erst allmählich, dann schnell und brutal am Lack des Erfolges und „Glamours“.

In einer globalisierten Welt wird uns Menschen im Namen des technischen Fortschrittes vorgegaukelt, wir würden uns verbessern, während wir doch zunehmend entwurzeln. Ich brauchte mehr als vierzig Jahre, um den von meinem jüdischen Lehrer Max Horkheimer in seinem Nachruf auf seinen Freund Theodor W. Adorno festgestellten Satz: „mit rein technischem Fortschritt verbundenen Verfall von Kultur“ (in: Adorno zum Gedächtnis) zu verstehen. Kulturelle Verankerung an einem Ufer gehört als kulturelle Identität zur Persönlichkeitsbildung. Globalisierte Heimatlosigkeit negiert diesen Rahmen einer Verankerung.

Die Technisierung und Instrumentalisierung. Dies sehe ich heute in Deutschland überall: junge tätowierte und gepiercte Menschen ohne Werteorientierung, mit Smartphone in der Hand, umherlaufend wie Roboter. Muslime laufen mit dem Koran, als Buch der Werte, in der Hand herum. Ein Smartphone ermöglicht instrumentelle Chats, aber weder Werte noch Kommunikation. Wenn diese Beobachtung generalisierungsfähig wäre, dann wäre dies ein Todesurteil für die junge deutsche Generation.

Die allergrößte Wende meines Lebens begann mit der Reise von Damaskus über Paris nach Frankfurt am 26. Oktober 1962; an jenem Tag begann der Prozess, den man am besten mit dem englischen Ausdruck „Journey of my life“ umschreiben kann. Ich möchte diese Reise beschreiben: Es ist der Weg von Damaskus, der einstigen Hauptstadt der islamischen Zivilisation während der Umayyaden-Zeit (661-750) zur Wirkungsstätte der Frankfurter Schule. Die Reise begann, als ich achtzehn Jahre nach meiner Geburt in Damaskus in eine Air-France-Maschine nach Paris bestieg. In Paris stieg ich um in eine LH-Maschine nach Frankfurt. Am Flughafen von Damaskus wurde ich von mehr als zweihundert Menschen meines Clans namens Banu al-Tibi umgeben und verabschiedet.

Eine Damaszener Zeitung berichtete am nächsten Tag „Der Spross der Banu al-Tibi, Bassam, flog gestern nach Frankfurt, um dort seinen Doktor in Nationalökonomie zu erlangen“. Dies war eine orientalische Hochstapelei, denn in Wirklichkeit ging es um weit Geringeres. 1962 hatte ich nach 12 Schuljahren das französische Baccalaureate erlangt, das in Deutschland nicht mit dem Abitur gleichgesetzt wurde. Vor einem Studium an einer deutschen Universität musste ich deshalb nicht nur Deutsch lernen (meine Fremdsprachen damals waren Französisch und Englisch), sondern auch ein Jahr wieder zur Schule gehen, um ein Äquivalent zum deutschen Abitur zu erlangen. Diese Reise am 26. Oktober 1962 war der erste sehr große Durchbruch in meinem gesamten Leben. Ich war bis 1962 nie im Ausland   gewesen   und   kannte   nur   Damaskus   und   Beirut. Den unbeholfenen Jungen beobachtete eine Dame mittleren Alters am Flughafen in Paris und erriet richtig die Herkunft, weil sie mich im libanesischen Arabisch ansprach mit den Worten: „Du musst eine Rabenmutter haben, die Dich alleine in diesem Alter nach Paris lässt“. Genau das Gegenteil war meine Mutter, die mich sehr behutsam, mit allzu viel Wärme und Liebe achtzehn Jahre lang in Damaskus erzog. Meine Eltern stimmten nicht nur widerstrebend einem Studium in Frankfurt zu, weil ich angedroht hatte, andernfalls gar nicht zu studieren. Lieber wäre ich damals in die USA gegangen, aber die Entfernung rief den heftigen Widerstand meiner Eltern hervor. Frankfurt war ein Kompromiss mit der Bedingung, alle Ferien im Elternhaus in Damaskus zu verbringen.

In den wenigen Stunden beim Zwischenaufenthalt in Paris und noch mehr in Frankfurt am Abend jenes Tages erlebte ich den ersten Kulturschock, als ich in Natur Männer sah, die Frauen umarmten und küssten. So etwas hatte ich vorher nur im Kino – natürlich auch zensiert – gesehen. In den 1950er Jahren dominierte in Damaskus der pan-arabische Nationalismus, aber es gab damals dennoch keine anti-westliche Stimmung. Im Gegenteil, meine Generation erhob Hollywood-Figuren wie James Dean, Elvis Presley sowie Jazz-Legenden wie Louis Armstrong und Nat King Cole zu Kult-Figuren. Die Damaszener Kinos brachten alle bekannten Hollywood-Filme, die die Phantasien meiner Generation entflammten und den Wunsch hervorriefen, im Westen zu leben. Der Westen war für uns damals mit der Hollywood-Kultur identisch. Erst durch das Studium in Frankfurt wurden jene US-Kultfiguren für mich durch Kant, Hegel und Marx und Weber abgelöst, natürlich auch durch die in Natur erlebten großen Denker Horkheimer, Adorno, Bloch und Habermas.

10. Die sechziger Jahre: Die Rückkehr nach Frankfurt als Zeit der Lehrjahre in der Frankfurter Schule 1964-73

Im Winter 1964/65 ging ich zurück zum Studienkolleg in Frankfurt zur Absolvierung der zweiten Hälfte des Schuljahres für die Erlangung des deutschen Abiturs. In den verbliebenen Sommermonaten 1964 war ich in München mit Jobs des „studentischen Schnelldienstes“ tagsüber als Arbeiter, abends als Restaurant-Tellerwäscher und am Wochenende als Hilfsarbeiter überall tätig. Mit diesem in München erworbenen Geld konnte ich die Rückkehr nach Frankfurt finanzieren und 1964/65 den Schulbesuch am Frankfurter Studienkolleg mit „sehr gut“ abschließen. Im Anschluss daran im Sommersemester 1965 habe ich mit den restlichen Mitteln meiner Ersparnisse das reguläre Studium als ordentlicher Student der Johann-Wolfgang-Goethe Universität aufgenommen. Vom Sommersemester 1965 an habe ich zwölf Semester lang in Frankfurt studiert, um dann 1971 mit „Magna cum Laude“ zu promovieren. Ich wurde dann ebenso 1971 mit viel Stolz wissenschaftlicher Assistent am Institut von Prof. Fetscher und als „Dr. Tibi“ Lehrbeauftragter an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zu Frankfurt. Ein Jahr danach, 1972, wurde ich ohne Habilitation zum Universitätsdozenten befördert.

Die Jahre 1962-1965 in Mannheim, Frankfurt und München waren mit größter Härte und vielen Lernprozessen verbunden, die eine charakterliche Reife zum Studium ermöglichten, die mir ansonsten gefehlt hätte, wäre ich gleich zu Beginn ohne diese Jahre nur Student ohne Not geblieben. Jene Jahre waren hilfreich sozusagen als die der seelischen Vorbereitung auf das Studium. Wie bereits angemerkt konnte ich 1970-71 nach 12 Semestern promovieren und nur zwei Jahre später nach einer Dozentur in Frankfurt sogar zum deutschen Universitätsprofessor avancieren. Die Studienjahre in Frankfurt fielen in die 68er-Zeit der Studentenrevolte, der ich mich – jedoch ohne Vernachlässigung des Studiums – anschloss. Rückblickend kann ich über das Frankfurter Jahrzehnt für meine Biografie dies festhalten: Es waren für mich konstitutive Lehrjahre und die intellektuell wichtigsten meines Lebens. Im Gegensatz dazu habe ich in den anschließenden Jahren in Göttingen buchstäblich keinerlei Impulse, sondern eher Behinderungen erfahren. Die Impulse kamen aus dem Ausland, womit ich hauptsächlich Harvard, Kairo, Tunis und später Jakarta und Singapur meine.

Nun möchte ich die Erinnerungen an meine Studienjahre und ihren Nutzen rekonstruieren. Die Auswahl Frankfurts als Studienort war reiner Zufall. Damals waren mir die großen Namen Adorno, Horkheimer, Fetscher, Habermas und Mitscherlich völlig unbekannt. Und wie konnte ich ahnen, dass ich in die 1968-Revolte nicht nur hineinrutschen würde, sondern auch eine signifikante Rolle in ihrer „Dritte-Welt-Romantik“ einnehmen sollte.

Der sehr einfache Grund für die Wahl Frankfurts war dieser: In Damaskus erwarb ich nach zwölf Schuljahren das französische Baccalaureate-Abitur. In Deutschland verlangte man damals 13 Schuljahre. Aus diesem Grunde etablierte die Bundesrepublik die Institution des „Studienkollegs“ als Schule für Ausländer, um ihre Hochschulreife an die deutsche anzupassen. Das Frankfurter Studienkolleg war ohne Mathematik und Naturwissenschaften, also primär für Studenten der Geisteswissenschaften, was meinen Neigungen entsprach. Die Schule befand sich in der Bockenheimer Landstraße in Frankfurt. Für mich ist dies eine Straße, die ich 1965-73 tausende von Kilometern zu Fuß hoch und runter ging. Dort war meine Schule und nahe der Bockenheimer Warte der alte Campus meiner Uni. In einer der Seitenstraßen, Eppsteiner Str., wohnte ich in einer Mansarde, in der ich nicht nur meine deutsche Dissertation, sondern auch ca. 40 Aufsätze in arabischer Sprache verfasst habe. Diese sind in führende Zeitschriften in Beirut, Kairo, Damaskus und Bagdad erschienen. Ich gehörte 1967-1971 zu den Denkern der „Aristotelischen Linken“ in der arabischen Welt. Diese Bezeichnung geht auf mein akademisches Vorbild Ernst Bloch zurück; 1965 schenkte mir Bloch ein Exemplar seines Buches „Die Aristotelische Linke“ mit persönlicher Widmung auf einem Empfang des Suhrkamp-Verlages.

Wichtiger als meine Wirkung bei den „Arabischen Linken“ (vgl. dazu F. Ajami, The Arab Predicament) war mein Leben in Frankfurt vom Sommersemester 1965 bis Wintersemester 1970/71, also 12 Semester lang als Student der Philosophie und Sozialwissenschaft mit dem Hauptfach „Wissenschaft von der Politik“ (so hieß damals die Politikwissenschaft). Iring Fetscher war mein politikwissenschaftlicher Lehrer, bei dem ich politische Philosophie lernte. Iring kam 2009 nach Göttingen als Gast zu meiner Emeritierung. Er verstarb 2014. Soziologie und Philosophie studierte ich bei Theodor W. Adorno, M. Horkheimer und J. Habermas. Zudem studierte ich Psychologie und Psychoanalyse bei A. Mitscherlich, Geschichte bei D. Geyer und Zernack sowie Orientalistik/Islamwissenschaft bei Selheim als weitere Nebenfächer. Nur zum Selbstschutz: Der zweite Gutachter meiner Doktorarbeit war eben jener Ordinarius für Islamwissenschaft an der Uni Frankfurt R. Selheim. Es ist unvergesslich, wie Prof. Selheim mit mir den Text meines Dissertations-Manuskriptes in seinem eigenen Haus in Frankfurt während vieler Sitzungen wochenlang Zeile für Zeile durchging. Rassistische deutsche Islamwissenschaftler äußern Zweifel an meiner Islamkompetenz. Deshalb führe ich diesen bildungsmäßígen Hintergrund an als ein Selbstschutz für mich. Zudem noch dies: Eine Promotion an Philosophischen Fakultät in Frankfurt setzte das große Latinum voraus, ich besaß damals nur das kleine Latinum. Die Fakultät ließ als Ausnahme eine Prüfung als Arabicum zu, die anhand altarabischer Texte, unter anderem die Prolegomena von Ibn Khaldun durchgeführt wurde. Das Arabicum legte ich ebenso bei Prof. Selheim ab, der ein sehr strenger Prüfer war. Auch im Ausschuss meiner Habilitation an der Uni Hamburg saß der dortige Inhaber des islamwissenschaftlichen Lehrstuhls, der meiner Habilitation zustimmte.

Nach zwölf Semestern schloss ich meine Studien mit der Doktorwürde (Dr. phil.) ab. Diese Frankfurter Jahre waren so prägend und so lehrreich, dass sie intellektuell an erster Stelle in meinem Lebensverlauf stehen. Doch in Bezug auf meine Persönlichkeitsbildung stehen die Damaszener Jahre ganz oben. Die ersten drei Semester in Frankfurt waren besonders hart, weil ich meinen Lebensunterunterhalt selbst verdienen musste. Es war ein glücklicher Umstand, dass meine erbrachten Leistungen mich in die Studienförderung der Friedrich-Ebert-Stiftung brachten und ich mich somit ganz auf das Studium konzentrieren konnte. Diese deutsche Gabe war letztlich Wermutstropfen und keine Wohltat. Ich musste alle erhaltenen Förderungsmittel samt fünf Prozent Zinsen in vollem Umfang nach meiner Einbürgerung an den deutschen Staat zurückzahlen. Ich berichte hierüber im Teil als Zeuge der deutschen Willkommenskultur weiter unten in einem gesonderten Abschnitt.

Dennoch bin ich trotz aller Benachteiligungen dankbar vor allem dafür, dass ich ab 1967 meine Zeit und Energie voll und ganz meinem Studium widmen konnte. Ab 1968 war ich schon Doktorand bei dem bereits eingangs gewürdigten Professor Iring Fetscher, bei dem ich alle Dimensionen der politischen Philosophie lernte. Zu diesem großen Gelehrten kamen andere große bereits schon angeführte Lehrer wie Adorno, Horkheimer, Mitcherlich und Geyer hinzu. Für mich war Frankfurt der Ort der Entstehung meiner Humanität im Humboldtschen Sinne, sowie der persönlichen Befreiung im Umkreis des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Sozial existierte die SDS-Community in einem Komplex von zwei getrennten Studentenhäusern. In einem davon, das sich in der Kronberger Straße befindet, wohnte ich. Parallel zum Studienkreis von Horkheimer und Adorno war ich in beiden Wohnheimen in der Frankfurter Linken beheimatet. Ich war Teil der Studentenrevolte von 1968 (nicht aber deren Auswüchse). Während dieser Zeit hatte ich die Ehre, Aufsätze in „Das Argument“ (ich gehörte dem Redaktionsbeirat an) und „Sozialistische Politik“ zu schreiben. Ich habe damals ab 1970 – wie man zu sagen pflegte – die theoretische „Dritte-Welt Orientierung“ in das Denken der studentischen 68er Jahre-Linken eingebracht.

Zwischen 1969 (Mein Erstling „Die arabische Linke“) und 1971 (meine Dissertation „Nationalismus in der Dritten Welt“) durfte ich drei Bücher in der linken Reihe „Dritte Welt“ der Europäischen Verlagsanstalt in Frankfurt veröffentlichen. Dennoch habe beim damals linken Suhrkamp-Verlag meine Habilitationsschrift 1973 in der Edition Suhrkamp (Bd. 631) in einer verkauften Auflage von 10.000 Exemplaren veröffentlicht. Solche Bibliophilie im Rahmen von kulturellen Highlights gibt es heute nicht mehr, in einer Zeit des Internets, in der Studenten keine Bücher lesen, noch weniger kaufen. Diese Veröffentlichungen mehrerer Aufsätze in linken Zeitschriften waren meine „Credentials“ als Dritte-Welt-Theoretiker der deutschen Linken der 68-Generation.

Wie sich das islamisch-arabische Segment meiner Persönlichkeit in Damaskus in den Jahren 1944-62 formierte, so bildete sich der der kulturellen Moderne verbundene Teil meiner Persönlichkeit in Frankfurt als Gesellschaftskritiker. Dieses Denken habe ich bei meinen Lehrern in Frankfurt im Kontext der Frankfurter Schule Horkheimer, Adorno und Habermas gelernt, bei denen ich benotete Studienscheine erworben habe. Bei Iring Fetscher habe ich mein Studium der politischen Philosophie und des Marxismus an Originaltexten betrieben. Die Kenntnis der philologischen Quellen des Islams habe ich mir bei Prof. Selheim angeeignet; bei A. Mitscherlich habe ich das Werk Sigmund Freuds kennengelernt und später (1979) in der von Mitscherlich herausgegeben Fachzeitschrift „Psyche“ einen Aufsatz veröffentlicht.

In Frankfurt wurde ich nicht nur durch die oben angegebenen Lehrjahre bei großen Gelehrten, die es heute nicht mehr gibt, geistig erwachsen; auch das Jahr als Postfacharbeiter und Paketzusteller in Frankfurt war körperlich und seelisch ein Bestandteil des Erwachsenseins. In Frankfurt vollzog sich die allergrößte Wende in meinem gesamten Leben. Deshalb ist Frankfurt das Mekka meines Lebens mit diesem Ergebnis:

Wenn man mich vor 1962 in Damaskus fragte „Wer bist du?“, war meine Antwort schlicht: „Die Angehörigkeit zu zwei großen Kollektiven sowie zu einem persönlichen Kollektiv anzugeben. Die zwei großen Kollektive sind die Makro-Welt der al-Umma al-Arabiyya/ arabische Nation und al-Umma al-Islamiyya/islamische Weltgemeinde. Das persönliche Kollektiv war die Mikro-Welt der Zugehörigkeit zum Banu al-Tibi-Notabeln-Kollektiv der Kadis und Muftis von Damaskus.

Kurzum: In Frankfurt veränderten sich drastisch mein Weltbild sowie mein Identitätsbezug. Nach der Lektüre von René Déscartes hat sich meine Antwort auf die Frage, wer bist du – wer bin ich, geändert. Seitdem begreife ich mich als das Individuum Bassam Tibi. Zudem habe ich gelernt, alles, aber wirklich alles, einschließlich meiner Religion und meines Arabisch-Seins, einer Kritik zu unterziehen. Meine Frankfurter Dissertation „Nationalismus in der Dritten Welt am arabischen Beipsiel“ (1971) war eine Übung im Erkenntnisprozess der Kritik im oben genannten Sinne. Von Kants drei Kritiken bis zu der zweibändigen Buchveröffentlichung „Kritische Theorie“ von Max Horkheimer war Kritik ein Hauptmerkmal der Deutschen, die sich der Aufklärung verpflichtet fühlten. Heute ist Kritik heruntergekommen. So werden rechtsradikale Bewegungen wie Pegida als „islamkritisch“ eingestuft. Der nächste gleichermaßen furcht- und verachtungserregende Schritt besteht darin, die Islamkritiker in denselben Korb der Islamophobie, des Rechtsradikalismus, ja sogar des Terrors und auch der Panikmacherei zu werfen.

Ich gehöre zu einer Denkschule im Islam, die sich eben durch den Begriff der „Kritik“ manifestiert; der marokkanische Mitstreiter Abdou Filali-Ansari hat die Formel „The Enlighted Muslim Thought“ für diese Schule geprägt. Dieses Denken begann 1925 mit der islamischen Schrift „al-Islam-wa Usul-al-Hikm“ (Islam and the Origins of Government) von Ali Abdelraziq, worin er Religion von Politik trennt. Seitdem und bis heute nennen sich die Vertreter dieser Schule islamische Aufklärer und leiten ihre Werke mit dem Begriff Naqd/Kritik ein. Zu ihnen gehört Sadiq J. al-Azm, Autor des Buches „Naqd al-fikr al-Dini“ (Kritik des religiösen Denkens), Abu Zaid, Autor des Buches „Naqd al-khitab al-Dini“ (Kritik des religiösen Diskurses) und auf dem Höhepunkt der große Mohammed Abed al-Jabri, Autor des Buches „Naqd al-fikr al-arabi“ (Kritik der arabischen Denkweise) und geistiger Vater des modernen islamischen Humanismus. In all diesen aufgeklärten islamischen Werken steht der arabische Begriff Naqd, das heißt Kritik, im Mittelpunkt. Im Gegensatz zu dieser islamischen Tradition assoziiert der deutsche Professor Klaus Bade, der während seiner Wirkungsjahre als Patriarch der deutschen Migrationsforschung galt, Kritik mit Gewalt sogar im Buchtitel. Ähnlich nennt der FAZ-Journalist Patrick Bahners die Islamkritiker „Panikmacher“. Solche Deutsche kontaminieren den Kritikbegriff nachhaltig. Der große Altmarxist Georg Lukács schrieb ein polemisches Buch über die Niederlage des Rationalismus in Deutschland unter dem Titel „Die Zerstörung der Vernunft“. Darin ist das Kapitel „Eigentümlichkeiten der deutschen Entwicklung“ enthalten, das in diesem Kontext sehr lesenswert ist. Die „Zerstörung der Vernunft“ ist der passende Begriff auch für heutige deutsche Debatten, die Furcht und Verachtung, aber keinen Respekt hervorrufen. Gleich was manch Deutscher über mich schreibt, bleibe ich den drei Kritiken Kants und der Kritischen Theorie meiner jüdischen Lehrer Adorno und Horkheimer treu. Im Arabischen ist der Begriff Naqd (Kritik) eine edle Voraussetzung des Rationalismus. Mich schützt die Fähigkeit zur Kritik vor der Zerstörung der Vernunft; die deutsche Euphorie und ihr Mantra ersetzen kritisches Denken.

Derart verachtenswerte Verfemungen bringen mich nicht um meinen Stolz Kritiker zu sein. Erstmals in Frankfurt habe ich durch mein Philosophie-Studium gelernt, in Subjekt-Objekt-Kategorien wissenschaftlich zu denken und hierbei ohne Einschränkung alles der kritischen Reflexionen auszusetzen. Das ist genau das, was Adorno einen „Begriff der Autonomie der Selbstverantwortung des vernünftigen Individuums anstellte jener blinden Abhängigkeiten“ nennt. Dieses Denken habe ich in Frankfurt kennengelernt und auch verinnerlicht. Auf der Basis meiner eigenen Biografie bezeichne ich jene Europäer-Gutmenschen als dumm und ignorant, wenn sie die die Feststellung, traditionelle Araber können nicht wissenschaftlich und nicht kritisch als „vernünftiges Individuum“ denken, als Orientalismus und Rassismus abtun. Sowohl in der Schule, als auch an den vorhandenen Universitäten lernen die Araber von heute nicht, zwischen Subjekt und Objekt bzw. zwischen Glauben und Wissen sowie zwischen Individuum und Kollektiv zu unterscheiden. Das ist ein Fakt, kein Narrativ. Diese Unterscheidungen habe ich erstmals in meinem Philosophie-Studium in Frankfurt gelernt. Somit prägten die Frankfurter Jahre mein Verhältnis zum Konstrukt „arabische Nation“ und auch zur gesellschaftlichen Realität des islamischen Kollektivs und seiner krankhaften Selbsttäuschungen. Die Flüchtlinge, die 2015 in Millionenhöhe aus der islamischen Welt nach Deutschland zugeströmt sind, bringen dieses vormoderne Denken mit sich; sie reisen nach Europa als Clans, nicht als Individuen. Diejenigen, die alleine kommen, holen im Namen der Familienzusammenführung ihren Clan nach. Diese Syrer mit Kollektiv-Identität verstehen Frau Merkel nicht, wenn sie darauf besteht, sie als individuelle Fälle formal-rechtlich zu behandeln. Syrer verstehen nur, dass sie auf Einladung Merkels als Staatsautorität in Deutschland verweilen und alles tun dürfen. Hier prallen zwei kulturelle Wahrnehmungen aufeinander vom Individuum und Kollektiv, ohne dass beide das geringste Verständnis füreinander aufbringen. Die deutsche Definition der Fremden als „Minderheit“ mit Recht auf „Minderheitenschutz“ verwirft das europäische Erbe des Principium Individuationis als Grundlage der Aufklärung im Kantischen Sinnen, so wie Adorno es oben ausführt.

Vor Harvard war Frankfurt mein Mekka des Wissens, wo ich Kritik und Individuation verinnerlicht habe. Wie ich im Abschnitt oben über den besonderen Platz von Frankfurt in meinem Leben ausführte, räume ich dieser Stadt, nicht aber Göttingen, einen gleichrangigen Platz mit Damaskus ein. Frankfurt bot mir mit meinen oben angeführten akademischen Lehrern und dem Umkreis des SDS nicht nur einen Rahmen für eine Identifikation, sondern ermöglichte mir auch, eine persönlich unschätzbare Familie zu gründen.

Im Sommer 1965 reiste ich zum zweiten Mal seit meiner Übersiedlung nach Deutschland wieder nach Damaskus. Das war meine allerletzte Reise dorthin. Dort erlebte ich bitter und unvergesslich das hässliche Gesicht der orientalischen Despotie. Es war ein Wunder, dass ich trotz der mir in den Weg gelegten Hindernissen das Ausreisevisum von der Geheimpolizei bekommen konnte. Dadurch war ich in der Lage, überhaupt nach Deutschland zurückkehren. Auf dem Flug von Damaskus nach Frankfurt schwor ich mir im Oktober 1965, niemals nach Syrien zurückzukehren. Heute ist Syrien die reine Hölle auf Erden. Selbst Muslim, bezweifle ich, dass die Himmel-Hölle des Jenseits, in der Allah die Frevler bestraft, schlimmer als die Hölle der schiitisch-alawitischen Diktatur und ihr sunnitischer IS-Gegner ist.

Bereits Anfang der 1980 er Jahre geriet ich auf die schwarze Liste des syrischen Geheimdienstes, sodass ich nicht mehr selbst diese Entscheidung umsetzten musste nach Syrien zu reisen. Dort wartet der Folter-Knast auf mich. Zermürbt durch die Erniedrigung des syrischen Staatsapparates 1965 empfand ich es als Glück, wieder in Frankfurt als Stadt der für mich heiligen deutschen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sein zu dürfen. Diese Dankbarkeit hält bis heute trotz manch deutscher Ausgrenzung – ungebrochen – an. Noch im selben Monat erfolgte ein weiteres Glück: Ich lernte im Oktober 1965 auf einem linken Studentenfest die drei Jahre ältere Sekretärin Renate Brückner kennen, die damals eine Schule für den zweiten Bildungsweg zur Erlangung des Abiturs besuchte; sie wurde meine Lebenspartnerin und 1969 meine Ehefrau sowie Mutter unseres Sohnes Fabian Fuad. Endlich hatte ich eine richtige Familie in Deutschland, ein Umstand, der nicht in die damalige Frankfurter Umwelt der 68er hineinpasste. Ehe, Familie, Monogamie etc. galten als kleinbürgerliche Züge, die im SDS-Kreis verhöhnt und verachtet wurden. Diese Familie war mir aber so wichtig, dass ich den Spott „verheirateter Spießer“ von meinen SDS-Genossen in Kauf nahm.

Das linke Umfeld der Promiskuität zerstörte jedoch diese Ehe nur wenige Jahre später. 1974 trennten wir, Renate und ich, uns und wurden 1976 in Göttingen geschieden. Auch mein 1969 geborener Sohn Fabian (sein Kindergärtner war Daniel Cohn-Bendit) ist ein Opfer der Werte-Orientierung der 68er Zeit. Heute sehe ich in der damaligen Linken nicht nur Befreiung, sondern auch eine Zerstörung. Parallel zu dieser Scheidung von Renate habe ich eine weitere Scheidung vorgenommen: ich trennte mich von den Frankfurter Linken und trat der SPD bei. Ich mochte diese Partei jedoch nicht; ich verließ die SPD im Dezember 1980. Der Grund hierfür findet sich an anderer Stelle.

Rückblickend erkenne ich, dass meine Frankfurter Ehe mit Renate für mich ein Riesenglück war. Denn sie hat meine Bedürfnisse nach Nestwärme erfüllt. Ohne diese Geborgenheit mit Renate wäre es nicht möglich gewesen, in nur zwölf Semestern eines Vollstudiums mit einer magna cum laude-Promotion abzuschließen. Doch der Spagat zwischen einem Eheleben und der Umwelt einer antiautoritären Sexualität der 68er-Linken sowie die Folgen hiervon in den 1970er Jahren zerstörten diese Ehe unumkehrbar. Im Jahr 1974 zog Renate nach wenigen Monaten in Göttingen nach Frankfurt zurück. Damit enden die Frankfurter Jahre meines Lebens. Es folgten im Jahr 1975 ein schwerer Zug-Unfall, Schädelbruch, Gehirnerschütterung plus Koma für mehrere Wochen. Dieser hat mich mehr als ein halbes Jahr gelähmt.

Schade, dass Deutschland sich nach der Wiedervereinigung für Berlin mit DDR-Elite und nicht für Frankfurt als seine Hauptstadt entschied. Bis heute trauere ich meinem Leben in Frankfurt und mit Renate, der ich unvergesslich und unendlich viel verdanke, nach. Auch meine jetzige Ehefrau Ulla, mit der ich seit 40 Jahren, also seit November 1976 verheiratet bin, hat großes Verständnis für diese Gefühle. Mein Verhältnis zu Frankfurt als die zweite Stufe meines Lebens als „Life Journey“ ist unzweideutig positiv. Dies kann ich von Göttingen, der 3. Stufe meines Lebens nicht behaupten. Doch war mein Leben an der Universität Göttingen von 1973-2009 nicht nur tragisch, wie ich im folgenden Abschnitt berichten werde. In Göttingen habe ich meine Freundin und Ehefrau Ulla kennengelernt und in Göttingen habe ich die neue Wissenschaft der Islamologie begründet.

11. Der tragische Anfang nach dem Umzug von Frankfurt nach Göttingen: Ein schwerer Beginn mit tiefen Wunden: 1975-1978

Der Wechsel von Frankfurt nach Göttingen war mit einem Aufstieg zum deutschen Professor verbunden, es war also eine „Erfolgs-Story“. Doch schnell folgten die Jahre des Leidens 1975-79. Dies veranlasst zu der Frage: War Göttingen ein Segen oder Fluch in meiner Lebensgeschichte? Ich weiß es nicht, und ich möchte sie zu meinen Lebzeiten offen lassen. Als Damaszener Ashraf-Aristokrat habe ich einen hohen Selbstwert und weiß, dass ich ein bedeutender arabo-islamischer Denker von Weltrang bin. Mein Pech ist jedoch, dass ich mich für Deutschland, das Land der Missgunst und des Neides, entschieden habe und nicht für ein Land (USA), wo Menschen an ihrer Leistung gemessen werden. In Deutschland blieb mir die Anerkennung meines meines Werkes von 41 Büchern versagt. Nach meinem Tod wird die Nachwelt die Bedeutung dieses Werkes für die Welt und besonders für Europa erkennen und Biografen werden die Göttingen-Frage beantworten.

Dies ist die Vorgeschichte meiner Berufung nach Göttingen: Anfang der 1970er Jahre war die wirtschaftliche Situation in Deutschland florierend. Zu den positiven Folgen der 68er-Zeit gehörte der Ausbau der Universitäten mit der Schaffung vieler neuer Professuren. Ich war Nutznießer dieses Prozesses. Kurz nach meiner Promotion im Februar 1971 wurde ich im Sommersemester desselben Jahres wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Politikwissenschaft der Universität Frankfurt. Im Sommersemester 1972 durfte ich sogar den Lehrstuhl von Mühlmann für Soziologie und Anthropologie der Universität Heidelberg vertreten. Gleich Anfang 1973 – meine Habilitation war noch nicht fertig – wurde ich dennoch zum Universitätsdozenten an der Universität Frankfurt befördert. Zuvor, 1972, hatte ich den Erfolg, den Ruf auf die neu errichtete Professur für Internationale Politik an der Universität Göttingen zu erhalten, den ich zum Sommersemester 1973 annahm. Obwohl ich keine schöne Erinnerung an die SPD habe, die ich als Mitglied von 1975 bis Dezember 1980 von innen kenne, muss ich aus Anstand anfügen, dass ich die Berufung zum Göttinger Professor dem damaligen sozialdemokratischen Kultusminister Peter von Oertzen verdanke. Anders als heutige sozialdemokratische Politiker, für die ich keinen Respekt habe, war von Oertzen ein Mann mit Ethos, Würde und sogar Rückgrat. Er hat es 1973 geschafft, dass ich, obwohl ich noch syrischer Staatsbürger war, berufen und verbeamtete wurde. Einen deutschen Pass bekam ich erst nach einem fünf Jahre währenden bürokratischen Hürdenlauf in Verbindung mit demütigenden Behandlungen im Jahr 1976. Ich werde hierüber in dem Abschnitt über meine jahrelangen Erfahrungen mit der sogenannten deutschen „Willkommenskultur“ in Teil 2 näher berichten. Im Jahr 1973 war ich formell noch nicht habilitiert, obwohl meine Habilitationsschrift „Militär und Sozialismus in der Dritten Welt“ (veröffentlicht bei Suhrkamp in Frankfurt 1973) schon fertig vorlag. Ich wurde nachträglich 1981 an der Universität Hamburg mit dieser Arbeit habilitiert zum Dr. habil. Somit habe ich eine deutsche Promotion und deutschen Habilitation, aber keine deutsche Anerkennung als Wissenschaftler. Diese bekam ich nach 1982 – mit Harvard beginnend – weltweit.

Bis auf die glückliche bis heute anhaltend stabile Ehe mit Ulla seit 1976 blieb ich in den Jahren 1973-2009 auf allen Ebenen ein Fremder in Göttingen; auch wurde ich stets als solcher von allen deutschen Professoren behandelt (vgl. die Beispiele in Abschnitt 12 des 2. Teils hierüber). Dass die Universitäts-Leitung mir nicht einmal zum 70. Geburtstag formal gratuliert hat, zeugt hiervon. Immerhin hat die Universität Göttingen mir den Rahmen geboten, die neue Wissenschaftsdisziplin der Islamologie zu gründen; doch dieselbe Universität schloss 2009 die Abteilung, an der ich diese international beachtete Leistung vollbrachte. Vielleicht ist der Vergleich der Frankfurter Jahre mit den Göttinger Jahren meines Lebens nicht gerecht, aber Nostalgie in meinem Gefühl habe ich nur in Bezug auf Damaskus und Frankfurt, nicht aber Göttingen, obwohl ich dies weiß: Göttingen ist mein Qismet und hier werde ich sterben. Der Gang meines Lebens ist als mein Qismet entschieden; ich kann das nicht mehr ändern.

Es wäre aber schuftig von mir, undankbar zu sein – so wie „Die Zeit“ 2006 in dem Artikel „Schwer integrierbar“ über mich unterstellte. Dies bin ich nicht. Es gibt genug Gründe dafür, Göttingen und seiner Universität dankbar zu sein und dies möchte ich nicht verschweigen. Aber ehrlichkeitshalber muss ich hinzufügen, dass ich als ein Fremder in den 37 Jahren Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Göttingen ohne Anerkennung blieb. Als solcher habe ich zu keinem Zeitpunkt eine Willkommenskultur in Göttingen erfahren. Erst in den USA 1982-2010 (Harvard, Princeton, Cornell, Yale, Berkeley, Michigan Ann Arbor, Center for Advanced Holocaust Studies in Washington D.C.) erfolgte wissenschaftliche Anerkennung meines Werkes, die ich mir wünschte, die mir in Göttingen total und stets versagt blieb.

Die bisherigen Vergleiche von Göttingen mit Frankfurt und Harvard geben den richtigen Geschmack. Dennoch sage ich dies: Ich möchte nichts nachtragen und versöhnlich mit Dank beginnen. Der Universität Göttingen, an der ich meine gesamte akademische Laufbahn von 1973 bis zur Emeritierung 2009 – wenngleich nicht exklusiv – verbrachte, verdanke ich nicht nur den Aufstieg zum Universitätsprofessor nach nur elf Jahren Leben in Deutschland, sondern auch eine eigene Abteilung für Internationale Beziehungen mit dem Schwerpunkt Area Studies und Islamologie. An dieser Abteilung konnte ich meine Forschung betreiben. Im Rahmen der Infrastruktur meiner Göttinger Professur habe ich als erster deutscher Professor in den 1970er Jahren erstmals Area Studies mit Focus auf die Middle East and African Studies in die deutsche Politikwissenschaft eingeführt. Dann habe ich über die Jahre die sozialwissenschaftliche Islamologie durch drei Buch-Trilogien (siehe meine Homepage) begründet und den sehr ambitionierten Anspruch verfolgt, die philologische Islamwissenschaft abzulösen. Heute gestehe ich es ein: Ich bin an den Machtstrukturen und Unverständlichkeiten der deutschen Universität gescheitert.

Im Gegensatz zur Frankfurter Zeit 1962-72 waren die Göttinger Jahre dennoch – trotz des kometenhaften Aufstiegs vom ausländischen Werksstudenten 1963/65 zum deutschen Professor 1973 – eine Zeit schweren Leidens sowie der blanken Diskriminierung. Dies war verbunden mit tiefen Wunden und sehr vielen anhaltenden Schmerzen.

Warum glaube ich nicht an die deutsche „Willkommenskultur“? Wenn es zutrifft, dass die vielen Abweisungen, die ich an der deutschen Universität erlitt, mit einer unterstellten fehlenden oder nu mangelnden Qualifikation zusammenhängt, dann frage ich mich, wieso die weltweit führenden Universitäten Harvard, Princeton, Cornell, Yale und Stanford mich mit Appointments beglückt und ihre University Presses meine Bücher veröffentlicht haben? Der Hauptwirkungsort meiner akademischen Laufbahn seit 1982 war deshalb nicht mehr Deutschland, sondern die USA. Meine Erfahrungen mit der ethnisch-exklusiven politischen Kultur Deutschlands habe ich im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Stanford University 2007-2010 über Ethnizität in Europa verarbeitet. Das Ergebnis war das Buch „Ethnic Europe“ (Stanford University Press 2010), zu dessen Autoren ich mit einer umfangreichen Studie über „Ethnicization of the Islam-Diaspora“ gehöre.

Das persönliche Leben in Göttingen begann positiv mit einem Aufstieg zum Professor, zu einem bewunderten jungen linken Professor, der früher zu den „opinion leaders“ der deutschen studentischen Linken in Frankfurt und bundesweit gehörte. Das Allergrößte, was mir Göttingen jedoch gab, war, die Studentin Ursula Helwig kennengelernt zu haben, die heute 40 Jahre lang meine über alles geliebte Ehefrau ist. Ulla ist gebürtige Göttingerin, deren Eltern sich durch ihre Opposition zu Hitlers NS-Diktatur auszeichneten.

Es kam dann eine andere Zeit im Schatten der Auflösung des SDS in den 70er Jahren, worauf die sektiererische Spaltung der Linken erfolgte. Dies geschah einerseits durch Spaltung in chaotische spontane Gruppen (aus denen die terroristische RAF hervorging), andererseits der totalitären K-Gruppen (kommunistisch-stalinistische Sekten wie KBW, KHS; KSV etc.) folgte. In Göttingen dominierten in der 2. Hälfte der 70er Jahre die K-Gruppen überall an der Universität und sie schüchterten ihre Gegner auch mit Gewalt ein – die dann auch schwiegen. Als Linker der Frankfurter Schule stieß mich das zutiefst ab. 1976/77 haben diese „Marxisten-Leninisten“ mich durch Psycho-Terror dermaßen gequält, dass ich körperlich und psychisch zusammenbrach. Ich hatte mich kaum von meinem Unfall im Jahr 1975 erholt, als ich 1977 wieder durch psychischen Terror der marxistisch-leninistischen Linken lehrunfähig wurde und nicht arbeiten konnte.

Ich erlebte die deutschen Linksradikalen als linke Totalitaristen, die ebenso wie Nazis sind; Deutsche Zeitgenossen von 1975-78 waren feige ohne Zivilcourage; sie schwiegen wie es die Deutschen auch 1933-45 taten und keiner sprang mir zur Seite. Ich habe immer Hannah Arendts Gleichsetzung von Nazismus und Stalinismus als zwei Totalitarismen zugestimmt und tue es weiterhin. Damals und auch heute weist die deutsche Linke diese Gleichsetzung jedoch zurück. Ich denke bis heute ungebrochen genauso wie Hannah Arendt und verstehe deshalb nicht, warum heute die Stasi-SED-Linke nicht wie Nazis als Totalitaristen eingestuft und ausgegrenzt wird. Für mich sind die heutigen Linken nicht mehr das, wie ich sie als arabischer Muslim in den 1960er Jahren in Frankfurt erlebte und bewunderte: heutige Linke sind keine Aufklärer mehr. Wir Linke der 1960er Jahre hatten Entstalinisierung und Pressefreiheit auf unseren Fahnen stehen und kämpften gegen Tabus. Heutige Linke setzen sich für Tabus und Zensur im Namen der Political Correctness ein.

Für mein Leben in Deutschland kamen in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre in Göttingen alle Katastrophen zusammen: Es begann mit dem Psycho-Terror der maoistisch-leninistischen Linken, gefolgt von einem schweren Unfall mit Schädelbruch und Lebensgefahr (ich lag drei Wochen im Koma) gepaart mit der Scheidung meiner ersten Ehe und dem Verlust der Familie. Dann folgte die Ausgrenzung von der deutschen Linken verbunden mit der weitestgehenden Entfremdung von der Universität Göttingen und der linken Anfeindung. Dies zwang mich damals der als rechts geltenden SPD beizutreten, in der ich von 1975 bis Dezember 1980 Mitglied war. Ich erlebte die sich selbst zelebrierende SPD nicht als „Partei der Solidarität“, sondern eher als solche der Intrigen und des Mobbings, der Missgunst und der Kleinbürger mit dem Pathos des Absoluten. Ich verließ deshalb die SPD. Last but not least war der Verlust der Verbindung zu Syrien 1976 weit mehr als nur der Pass-Verlust. Zu meiner Einbürgerung in Deutschland 1976 kam eine Kulmination dieser katastrophalen Zeit in Göttingen hinzu, die ich lebensgeschichtlich als die tragischen Jahre einstufe. Natürlich stand im Mittelpunkt primär eine Identitätskrise. Diese resultiere aus der Trennung von Bezugsgruppen, von den Linken, von der Familie durch die Scheidung von Renate und von Syrien durch die Blockierung der Rückkehr als Verlust der Heimat nach der Einbürgerung. Die entsprechenden Folgen dieser Trennungen bedeuteten, von allen bisherigen Bezugsgruppen abgeschnitten zu werden und somit die zwei Fragen: Wer bin ich? Und zu welcher Bezugsgruppe (belonging) gehöre ich?

Die soeben erörterte Sachlage wurde jedoch extrem dadurch intensiviert, dass ich beruflich in einer hochschulpolitisch angespannten Situation am Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Göttingen wirkte. Ich kann auch 40 Jahre danach nicht darüber schweigen und möchte dies auch nicht. In jener damals ideologisch extrem politisierten Umwelt in Deutschland gab es in jenem Fachbereich nur drei politische Kräfte. Die linken Soziologen, die sozialdemokratischen, damals rechts eingeordneten Politikwissenschaftler und eine marxistisch-leninistische Fachschaft, die von maoistischen totalitären K-Gruppen dominiert wurde. Es gab damals fast ein Dutzend kommunistische Splittergruppen, die als K-Gruppen definiert wurden. Es waren Horror-Gruppen. Diese drei Kräfte haben erbittert gegeneinander gekämpft und sie konnten deshalb nicht miteinander kommunizieren, weil jede von ihnen ihr eigenes deutsches „Pathos des Absoluten eines kollektiven Narzissmus“ (Adorno) hatte. Dies war die „Eigentümlichkeit“ der damaligen politischen Kultur Deutschlands, die ihre Wurzeln in der deutschen Vergangenheit hat, wie Georg Lukacs in seinem Buch „Die Zerstörung der Vernunft“ gezeigt hat.

Anfang April des Jahres 1973 war ich noch 28 Jahre alt, als ich nach Göttingen kam und war – selbst als 68er – in hochpolitischen Intrigen absolut unerfahren. Ich war als Adorno-, Horkheimer- und Fetscher-Schüler das, was Kommunisten verächtlich als „Salon-Marxist der Frankfurter Schule“ bezeichneten; als Intellektueller hatte ich keine Ambitionen einer hochschulpolitischen Karriere gerade an einer Universität zu machen, die hochpolitisiert und somit verpestet war. Ich blieb im ersten Jahr 1973/74 politisch abstinent. Das war jedoch auf die Dauer nicht zu halten. 1974 musste eine bei den Berufungsverhandlungen mir zugesagte, also meiner Professur zugeordnete Assistentenstelle besetzt werden. Ich war befremdet darüber, dass es bei der Besetzung nicht um wissenschaftliche Qualifikation der Bewerber, sondern um deren politische Gesinnung ging. Und so kämpften alle drei oben genannten Fraktionen mit ihrem „Pathos des Absoluten“ erbittert gegeneinander. Meine Unerfahrenheit ließ mich damals in entsprechende hochpolitische Konflikte hineinschlittern im personalpolitischen Kampf um die Besetzung jener Assistentenstelle. Vor allen die K-Gruppen waren erbarmungslos in ihrem Bestreben, einen Bewerber ihrer Gesinnung durchzusetzen. In jener Zeit bin ich von Angehörigen der Fachschaft an einem späten Abend, als die Fakultät leer war, zusammengeschlagen worden. Ich berichtete damals hierüber in einer dienstlichen Mitteilung an die Fakultät verbunden mit einem verzweifelten Hilferuf. Statt Hilfe zu bekommen, wanderte dieser Brief in die Hände der Fachschaft; und er wurde veröffentlicht in der Bundesausgabe des KSV (Kommunistischer Studentenverein) mit einer Karikatur von mir als Uncle-Sam-Knecht mit einer auffällig semitischen Nase, wegrennend aus Angst vor Hammer und Sichel. Die erbetene Hilfe kam nicht, stattdessen wurde ich nicht nur in Göttingen, sondern bundesweit als „Rechter“ diffamiert. Für mich als semitisch-arabischer Ausländer aus Damaskus gab es damals keinen Unterschied, ob meine Peiniger Hammer und Sichel oder das Hakenkreuz tragen. In jener Zeit begann meine Trennung vom Marxismus für alle Zeiten. In jenen Jahren 1975-78 in Göttingen habe ich einen Vorgeschmack davon bekommen, wie es meinen jüdischen Brüdern und Schwestern in Deutschland erging. Die braune Vergangenheit der Universität Göttingen ist historisch erwiesen.

Kein einziger deutscher Professor sprang mir damals als Ausländer zur Seite. In Göttingen erlebte ich damals nicht nur eine kommunistisch politisierte Fachschaft, sondern politisierte deutsche Professoren einer ideologisch überladenen Sozialwissenschaft eher als Peiniger denn als Kollegen. Ich bin zwar syrischer Araber, aber mein Ideal war und bleibt deutsch, nämlich Immanuel Kant und seine „Autonomie der Selbstverantwortung des vernünftigen Individuums“, sowie mein Lehrer Adorno dieses Ideal begrifflich erfasste. In jenen Jahren 1975/78 war Göttingen das Gegenideal zu Kant; es war die Hölle auf Erden in einer hochpolitisierten zerrütteten Universität, in der nicht die Vernunft, sondern das Streben nach Macht durch beteiligte Akteure dominierte. Die Folgen hiervon für einen sensibel erzogenen Ashraf-Aristokraten aus Damaskus war eine seelische Erkrankung verbunden mit einem psychischen Zusammenbruch. Zu keinem Zeitpunkt meines Lebens ging es mir so dramatisch schlecht wie in jenen Jahren in Göttingen: diese Stadt war damals mit „Allahs Hölle/ djahim“ zu vergleichen, eine Hölle verhüllt von der Zweckrationalität einer extrem politisierten Sozialwissenschaft. Für mich war dies ein Beispiel für das, was mein jüdischer Lehrer Max Horkheimer „the eclipse of reason“ als einen Ausdruck der modernen Barbarei bezeichnete.

Der einzige Mensch, der mir seit jener Zeit und bis heute ungebrochen zur Seite stand, war ein in Göttingen geborener Mensch, eine Deutsche als „Lebensfreund“: Ursula Tibi, geb. Helwig, mit der ich heute schon 40 Jahre sehr glücklich verheiratet bin. Ulla und ihre deutschen Eltern schützen mich gegen jede unsachliche Verallgemeinerung über Deutsche. Heute ist Ulla schwer krank und stark pflegebedürftig. Früher, nach meiner Stabilisierung in den 1980er Jahren, flog ich mit kurzen Unterbrechungen rund um die Welt auf der Flucht aus Deutschland. Und ich kehrte nach Göttingen immer zu Ulla zurück. Hierbei schrieb ich parallel Dutzende von Büchern, die sie immer im Manuskript las. Heute bleibe ich in Göttingen und nehme mir Karl Popper zum Vorbild, indem ich sage, ich schreibe keine Bücher, sondern pflege meine Frau, so wie Karl Popper es in seinen letzten Jahren auch getan hat. Ich möchte Ulla das zurückgeben, was sie mir unendlich sowohl in Zeiten des Erfolgs, als auch in Zeiten des Leidens gab: Liebe, Solidarität, und – wichtig – ehrliche Willkommenskultur.

Nach den schweren, leidensvollen Jahren in Göttingen 1975-78 gelang es mir langsam, sowohl mit Hilfe Ullas, als auch durch den internationalen Erfolg (vgl. die Abschnitte 14 und 15 in Teil II), in das normale Leben zurückzukehren. Sehr hilfreich war eine mehrjährige Psychoanalyse, der ich mich unterzogen habe. In meinen Frankfurter Jahren hörte ich Vorlesungen bei Alexander Mitscherlich über Psychoanalyse. 1979 war ich stolz darauf, als Teil meiner Gesundung die Fähigkeit des Schreibens wiedererlangt zu haben und zu veröffentlichen. In jenem Jahr habe ich sogar in der von Alexander Mitscherlich herausgegeben Fachzeitschrift „Psyche“ meinen Aufsatz „Religionsstiftung, Islam, und Psychoanalyse“ veröffentlicht.

Zwei Jahre später trug der internationale Erfolg meines Buches „Krise des modernen Islam“ (1981, US-Ausgabe 1988) dazu bei, wieder den gesunden Selbstwert zu erlangen, den die deutschen K-Gruppen und Göttinger Professoren der 1970er Jahre beinahe zerstört haben. Die international führende Fachzeitschrift Middle East Journal (Washington D.C.) schrieb in Heft 2/1983 „Bassam Tibis ‚Crisis of Modern Islam‘ is one of the most important publications on modern Islam that appeard in the west in the recent past.“ Hierdurch erlangte ich internationale Reputation nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als islamischer Reformer. Die amerikanische Ausgabe jenes Buches erschien 1988 (Utah University Press), nachdem ich sie in meiner Funktion als Rockefeller Fellow an der University of Michigan, Ann Arbor, vorbereitetet habe. Zu der Anerkennung dieses Buches gehört die Tatsache, dass es ins Bahasa Indonesia, der Sprache der größten islamischen Zivilisation (ca. 250 Millionen Menschen), übersetzt und in Jakarta veröffentlicht wurde. Ich begann danach, mein Heil außerhalb Deutschlands zu suchen, ohne es jedoch zu wagen, von Deutschland Abschied zu nehmen. Wie gerne wäre ich damals auf Dauer in die USA ausgewandert. Aber meine Frau war durch ihre kranken und pflegebedürftigen Eltern an Göttingen gebunden und ich hatte nicht den für einen Neubeginn erforderlichen Mut. Der zweite Teil dieser Autobiografie heißt deshalb: Flucht ohne Abschied.

Zu dem Prozess der psychologischen Gesundung gehörte auch die Rückkehr zur islamischen Identität, die ich während meiner linken marxistischen Jahre aufgab. Dies werde ich in Teil II, Abschnitt 14 beschreiben. 1979 trat ich in Kairo prominent bei einem internationalen islamischen Kongress („First Islamic Philosophy International Conference on Islam and Civilisation“) auf und hielt eine seitdem historisch gewordene, auch von Bernhard Lewis zitierte Vorlesung über „Islam and Secularization“ (sie erschien 1982 auf Englisch in Kairo und 1980 auf Arabisch in Beirut). Seitdem gehöre ich zum Kreis der Denker eines laizistischen Islam. Islamisten verfemen uns islamische Aufklärer als „islamfeindlich“ und die europäische Moralpolizei der Gutmenschen schließt sich dieser Propagandakampagne der totalitären Islamisten in der Tarnung mit „Respekt für den Islam“ an. Meine nächste Station im Ausland war Harvard 1982/83. Nach Kairo 1979 und Harvard 1982/83 (vgl. Abschnitt 14 und 15) und bis hin zur Emeritierung in Göttingen 2009 folgten achtzehn Gastprofessuren und Fellowships im Ausland auf allen vier Kontinenten. Deutschland war mein Wohnsitz und der Ort meiner geliebten deutschen Familie sowie der deutschen verbeamteten Professur, nicht mehr aber meine gefühlte Heimat; mit Sicherheit war die deutsche Uni für mich keine Quelle der Inspiration, wie sie dies in den Zeiten Adornos, Horkheimer, Fetschers und Blochs für mich war. Mein Glück war als Ersatz hierfür die große Welt zu entdecken, wo ich alles bekam, was mir in Deutschland versagt blieb: vor allem die Anerkennung als Wissenschaftler und islamischer Aufklärer. Um diese Haltung besser zu verstehen, bitte ich darum folgendes zu lesen als unvergesslichen Beweis für deutsche Diskriminierung und Ausgrenzung, die ich erlitten habe.

Als einmal die Göttinger Fakultät für Sozialwissenschaften einer außeruniversitären Evaluation durch auswärtige Gutachter unterzogen wurde, stellte das Seminar für Politikwissenschaft, zu dem ich gehörte, sich und seine Leistungen vor. Der Seminardirektor ging in alle Details und stellte sogar unbedeutende Dissertationen als Seminarforschung vor, er verlor jedoch kein einziges Wort über meine internationalen Forschungsprojekte und umfangreichen Veröffentlichungen. Obwohl ich damals, im Jahr 2004, buchstäblich der einzige Göttinger Politikwissenschaftler mit internationaler Reputation auf der Basis eines englischsprachigen Werkes war, wurde mein Name vom Seminardirektor vor den auswärtigen Gutachtern kein einziges Mal erwähnt. Meine Forschung habe ich in den USA als wissenschaftliche Monografien und als Aufsätze veröffentlicht und zwar in „leading“ US-Fachzeitschriften und University Presses, die in den USA (Berkeley, Princeton, Harvard etc.) verlegt wurden,. Es gab mich einfach nicht; das ist die deutsche Wissenschaftskultur, die ich als Ausländer von den Deutschen meines Berufes fünfzig Jahre lang erfahren habe. Damals sagte ich kein Wort und verließ in Demut den Raum mit einem Herzen als „Mördergrube“ und mit dem englisch-amerikanischen „four letter word“ im Sinn. Dieses „four letter word“ haben sogar meine Harvard-Kollegen bei Missstimmung verwendet.

Im zweiten Teil dieser Autobiografie werde ich in einem besonderen Abschnitt dem moralischen deutschen „Pathos des Absoluten“ (Adorno) von einem Willkommensmantra von 2015 die Realität gegenüberstellen. Es handelt sich um die Realität lebensgeschichtlich erfahrener Situationen, die genau das Gegenteil belegen, also Ausgrenzung durch dieselben Menschen, die heute eine Willkommenskultur propagieren. Wenn heute die deutsche Sprachpolizei das Wort „Gutmensch“ wie ähnlicherweise vor 15 Jahren (2000) den von mir geprägten Begriff der „Leitkultur“ zum Unwort des Jahres deklariert, dann reagiere ich darauf unter Berufung auf Artikel 5 des Grundgesetzes mit diesem Kommentar: Die Entscheidung der deutschen Sprachpolizei ist nicht nur als dumm zu bezeichnen, sondern auch als schädlich für die Sache einzuordnen. Ich habe oben mit Rekurs auf große deutsche Denker die Extreme des deutschen absolutistischen Moralismus sowohl des bösen, als auch des guten Menschen dekonstruiert und als zwei Seiten derselben Medaille erkannt. Diese „Sache“ muss als Aufklärung eine freie Diskussion bestimmen; die Sprachpolizei hat hier nichts zu suchen.

In meinem Denken über den anstehenden Gegenstand folge ich nicht nur Adorno und Plessner, sondern auch Hannah Arendt, die das „Böse“ nicht alleine rechts verortet, sondern auch im linken Lager erblickt. Für die Opfer totalitärer Herrschaft als Praxis des Pathos des Absoluten ist es gleichwertig, ob die sie unterdrückenden Totalitaristen links oder rechts stehen. Linker Totalitarismus ist nicht weniger übel und „böse“ als der rechte Totalitarismus. Dies gilt auch, wenn die Linken den Mantel des Gutmenschen anziehen.

Horkheimer denkt ähnlich wie Hannah Arendt und führt den Hitlerismus und Stalinismus im gleichen Atem als Bedrohung für die Freiheit an. Mein Buch „Europa ohne Identität?“ widme ich meinem Lehrer Horkheimer und führe ein Zitat von ihm in der Widmung an mit diesem Inhalt über die Bedrohung. Ich füge zu dem Zitat einen Hinweis auf den neuen Totalitarismus des Islamismus hinzu. Heutige Linke denken anders als Horkheimer, sie sehen im Islamismus „the other modernity“ und feiern den Islamismus im Namen von Diversity. Diese Linken verfemen die an Hannah Arendt und Horkheimer sich anlehnenden Einordnungen des Islamismus als totalitär mit dem Vorwurf der Islamophobie.

Im folgenden zweiten Teil meiner Autobiografie werde ich später ausführen, wie Ausgrenzung und der Gestank der politischen Kultur des „deutschen Pathos des Absoluten“ (Adorno) mich mit dem Slogan „Nichts wie weg von hier“ dazu trieben, über Deutschland hinaus quasi wie ein Nomade in der Welt herumzuirren auf der Suche nach einem Ufer und Identität, verstanden als „sense of belognig“. Beides bietet Deutschland uns Fremden nicht. Dies muss offen gesagt werden gerade in einer Zeit, in der viele Millionen neuer Muslime nach Deutschland kommen und außer Unterbringung und Deutsch-Kursen nichts bekommen. Die „Selbstvergötzung“ einer „Willkommenskultur“ kann nicht darüber hinweg täuschen, dass in diesem Geist auch Totalitarismus waltet. Die hat mir immer Angst gemacht. Dennoch, einen Abschied für immer von Deutschland habe ich nicht geschafft. Heute ist es zu spät hierfür; ich bin schon 72 Jahre alt und nicht in bester gesundheitlicher Verfassung. Spätestens als ich noch 40 Jahre alt war, hätte ich noch ein neues Leben auf Dauer in den USA, nicht als Fellow, nicht als Visiting Scholar und nicht als Gastprofessor wagen sollen. Damals hatte ich nicht den Mut für einen solchen Sprung und heute erkenne ich, dass es ein großer Fehler war.

Aus dieser Perspektive von Hannah Arendt und Max Horkheimer fällt es mir schwer, die Logik des vorherrschenden von linken und grünen Meinungsmachern erheblich bestimmten Narrativs nachzuvollziehen, wonach die im DDR-Totalitarismus beheimatete Linkspartei als demokratisch anerkannt wird und ihr deshalb überproportional Medienpräsenz in ARD und ZDF zu jedem Thema mit hochideologischen Statements gewährt wird. Wie die Linkspartei so lehne ich auch die AfD ab. Dennoch frage ich mich, warum die eine, aber nicht die andere ausgegrenzt wird. Nach Wikipedia ist die Linkspartei aus der PDS hervorgegangen, die rechtlich „Nachfolgepartei“ der SED ist. Mit Horkheimer verabscheue ich nicht nur Hitlerismus und Rechtsradikalismus, sondern auch alle Spielarten des Kommunismus als Totalitarismus. Als Anhänger von Hannah Arendt würde ich die AfD wie die Linkspartei – beide ohne demokratische Wurzeln – ähnlich bewerten und ablehnen, dennoch als Demokrat würde ich beiden, bei gleicher Behandlung, das Recht auf politische Partizipation gewähren im Sinne von John Stuart Mill’s Buch „On Liberty“. Warum geschieht dies in der Bundesrepublik nur in Bezug auf die Linke, nicht aber auf die AfD? Ich meine hier, dass eine politische Kultur des Pluralismus Ausgewogenheit erfordert, die in Deutschland schlicht fehlt. Eine starke Demokratie kann Ausgewogenheit aushalten. Ich habe meinen großen Zweifel am heutigen Deutschland Merkels und an seinen schädlichen Sonderwegen; ich neige dazu, von einer Grundgesetz-Demokratie ohne Demokraten in Deutschland zu reden. Weder gibt es im öffentlichen Leben eine garantierte Kultur der freien Meinungsäußerung, sowie sich John Stuart Mill sie in „ On Liberty“ vorstellte, noch eine „Debating Culture“ im angelsächsischen Sinne unter Bedingungen des Respekts für Andersdenkende und dem, was Franzosen „Le droit a la difference“ nennen. Die Meinungsmacher von Merkels Deutschland stigmatisieren Anders-Denkende. Im Namen des Schutzes von Minderheiten, sprich der Flüchtlinge, etablieren sie ihre mediale Vorherrschaft der Bevormundung in einer deutschen tyrannischen Kultur der Angst und Selbstzensur, die „nicht nur die Äußerung unbequemer Gedanken, sondern diese selbst verhindert“ (Adorno in: Auf die Frage: Was ist deutsch?). Quod erat demonstrandum.

Teil 2 folgt in Kürze…